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Thomas Berscheid 7 Min.
Erwin prüft die Größe des Eisblock aus der Kühl- und Gefrierkombination
Erwin prüft die Größe des Eisblocks aus der Kühl- und Gefrierkombination

Tod im Eisblock: heißer Sommer mit Kühl- und Gefrierkombination

Der eisige Tod im Sommer 2006 für Erwin

Das Wichtigste in Kürze

  • Im extrem heißen Sommer 2026 versucht der allein lebende Erwin, seine Wohnung ohne Klimaanlage zu kühlen, indem er einen riesigen Eisblock im Tiefkühlfach produziert.
  • Rückblicke zeigen, wie rücksichtslos er seine Frau im Winter behandelte: Er drehte die Heizung ab, ließ sie frieren und kontrollierte alles über smarte Thermostate – bis sie verschwand.
  • Während Erwin das Wochenende trinkend vor dem Fernseher verbringt, wächst der Eisblock immer weiter, bis er ihn schließlich aus dem Tiefkühlfach lösen will. Dabei frieren seine Hände am Plastik fest.
  • Beim Versuch, den Block herauszureißen, schlägt dieser mit voller Wucht gegen Erwins Kopf. Erwin wird bewusstlos und stürzt. Der Eisblock fällt ihm auf den Kopf.
  • Die Polizei findet später im Keller die alte Kühltruhe, in der Erwin etwas eingefroren hatte, das niemand zu seinen Lebzeiten entdecken sollte. In einem großen Eisblock.
     

Erwin hat die modernste Technik in der Wohnung

Erwin war es warm. Nein, nicht einfach warm. Erwin war es heiß. Richtig heiß! Es war 2026, seit ein paar Tagen Sommer, und erbarmungslos lag die Glocke der Hitze über Europa. Unglaublich, dass es so früh im Jahr schon so heiß werden konnte!

Seit Monaten wohnte Erwin alleine. Eigentlich seit dem letzten Winter, als seine Frau ausgezogen war, weil sie die Kälte nicht mehr ertragen konnte. Oder wollte. Immer morgens, wenn Erwin in sein Büro fuhr, stellte er die Heizung ab. Seine Frau konnte sich ja an der Wäsche oder in der Küche warm arbeiten. Warum also sollte er Geld dafür verschwenden, für sie auch noch die Heizung aufzudrehen? Wenn er abends vor dem 75 Zoll Flatscreen saß und Fußball guckte, dann sollte es warm sein, genauso wie sein Alt kalt sein sollte, dann wollte er auch nicht hören, wie seine Frau hustete oder schniefend die Nase hochzog. Sie konnte ja ins Schlafzimmer gehen. Aber bis dahin hatte er über die neue App die neuen Thermostate im Blick, die er für teuer Geld hatte einbauen lassen. Tagsüber reichten 10 Grad in der Wohnung. Wenn seine Frau fror… Wen kümmerte das schon.

Erwin öffnet die Kühl- und Gefrierkombination mit dem wachsenden Eisblock
Erwin öffnet die Kühl- und Gefrierkombination mit dem wachsenden Eisblock

Erwin hat mehr Freiheiten seit seine Frau ihn verlassen hat

Alleine hatte er sowieso viel mehr Freiheiten. Hatte seine Frau ihn also am Ende des Winters verlassen. Das Frühjahr kam, die Wärme kam, nun musste er eine Möglichkeit suchen, die Hitze aus der Wohnung heraus zu bekommen. Er war beim Finanzamt, er hatte Freitag schon um 12:00 Uhr Feierabend von der leichten Untätigkeit gemacht, nun also konnte er sich darum kümmern, die Wohnung halbwegs erträglich werden zu lassen.

Sollte er eine Klimaanlage kaufen? Geldverschwendung. Ging viel zu viel Strom bei drauf. Nein, er konnte dies doch anders lösen. Er hatte doch nun diese neue Kühl- und Gefrierkombination. Die alte Kühltruhe, die sie vorher hatten, die hatte er in den Keller geschafft, als seine Frau verschwunden war. Er hatte extra eine Stromleitung nach unten gelegt, damit diese Kühltruhe niemals ausgehen konnte. Oben in der Wohnung stand nun dieser modische technische Brocken, nicht billig, das beste vom Besten. Erwin hatte nicht gespart. Auch für dieses Kühlgerät hatte er eine App, so dass er nachsehen konnte, wie die Temperatur in den einzelnen Kühlfächern war.

So nahm er also eine dieser Schüsseln, die überall noch seit dem Verschwinden seiner Frau in der Wohnung herumstanden. Er stellte diese in das große Tiefkühlfach oben in der Kombination. Mit einer großen Karaffe nahm er Wasser aus dem Hahn und goss es in den Plastikkarton, der wasserdicht war. Er schloss die Tür des Tiefkühlfachs. Auf seiner App konnte er sehen, dass die Temperatur in diesem Fach von -18 Grad auf fast -10 anstieg. Er regelte die Einstellung der Kühlung auf den maximalen Wert. Es war ja sonst nichts in der Tiefkühlung, nur unten im Keller diese Mengen an Fleisch und Knochen.

So ging es den Freitagabend, den ganzen Samstag. Er ging nicht mehr vor die Tür. Schon am Morgen um 9 ging es draußen über die 30 Grad. Er hatte einen ganzen Kasten kühles Bier im unteren Teil des Kühlschranks, ein paar Fertiggerichte, das reichte ihm. Einmal pro Stunde ging er zum Eisfach, goss 2, 3 Liter Wasser auf den wachsenden Eisblock und wartete, dass dieser gefror.

Als Letztes sieht Erwin den großen Eisblock auf sich zukommen
Als Letztes sieht Erwin den großen Eisblock auf sich zukommen

Am Sonntag ist der große Eisblock fertig

So kam der Sonntag. Es war der Tag des heißesten Spiels. Er trampelte mit den Füßen auf dem Boden herum, als einer der deutschen Spieler mal wieder einen Ball am Tor vorbei schoss. Was für unfähige Millionäre doch da über das Spielfeld liefen! Er schwitzte, denn er hatte schon die ersten vier Flaschen Bier in sich und es war knackig warm draußen. Die App für den Kühlschrank sagte ihm, dass der Block fertig sein musste.

Endlich Eis. Endlich richtig dickes Eis, aus dem er sich Stücke herausschlagen konnte! Das Werkzeug hatte er ja, genau wie im Winter, als er seine Frau… Für einen Moment keimte eine Erinnerung in Erwin auf. Das musste jemand anders gewesen sein. Und der Typ in der Wohnung unten, der gerade mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmerte, weil Erwin so viel Lärm machte, konnte ihm auch gestohlen bleiben. Das alles brauchte ihn heute nicht zu interessieren. Das Spiel war wichtiger.

Nun erhob Erwin seinen runden Bauch und trabte in die Küche. Er öffnete erwartungsvoll das Fach mit dem Eis. Dieser schöne große Eisblock musste doch ganz einfach… Erwin packte mit den Händen an die Seite der Plastikschüssel. Die Finger froren ihm in wenigen Sekunden an dem -18 Grad kalten, stabilen Plastik fest. Er versuchte sie zu lösen. Er schwitzte. Und der Schweiß an den Händen hatte sich in Sekunden mit dem Plastik vereint, besser als jeder Sekundenkleber.

Erwin bekam es nun mit der Angst zu tun. Früher, da hätte er jetzt seine Frau angebrüllt, dass sie ihm gefälligst helfen sollte. Aber die war ja nun nicht mehr da… Er konnte nicht vor und nicht zurück. Vielleicht hätte er einfach die Hände vom Eisblock wegziehen und diesen zu Boden fallen lassen sollen, aber dafür war Erwin zu geizig. Nun zog er mit aller Kraft an dem Brocken, der so schwer sein musste wie er selbst.

Und tatsächlich, nach ein paar weiteren Versuchen löste sich der Eisbrocken aus dem Tiefkühlfach. Nicht sanft, nicht langsam, nein, mit einem Ruck sprang das Eis förmlich aus dem Fach auf Erwin zu, so wie ein Löwe seine Beute ansprang.

Der Eisbrocken knallte Erwin gegen den Schädel. Nun ist Eis aus Wasser ziemlich hart, und so zog Erwins Schädel den kürzeren. Er wurde ohnmächtig. Für einen Moment gehorchte der Eisbrocken den Gesetzen der Physik und der Impulsübertragung, verlor also ein wenig an Geschwindigkeit. Dann, als Erwin gerade auf dem Boden aufgeschlagen war, erinnerte sich der Eisbrocken an diese verdammte Schwerkraft, verließ die Schale aus Plastik und folgte der Physik. Mit einem lauten Krachen zertrümmerte das reine Eis den Schädel von Erwin.

Die Polizei findet die alte Kühltruhe und die verschwundene Frau

Dem Mieter unten reichte es jetzt. Im Frühling hatte dieser Miesepeter schon ganze Abende lang gehämmert. Er rief die 110.

Die Polizei hatte wegen der Hitze eine Menge zu tun. Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis sie an der Tür von Erwin klingelten, eine weitere halbe Stunde, bis ein Schlüsseldienst die Tür öffnete. Sie riefen ein paar Mal in die Wohnung, dann sahen sie die zusammengesunkene Gestalt mit einem Klumpen Fleisch, wo sonst das Gesicht ist. Um ihn herum war es fast komplett trocken. Was und wer mochte diesen Mann so grausam zugerichtet haben?

Als sie später am Abend in den kühlen Keller des Mehrfamilienhauses hinabstiegen, hatten sie den passenden Schlüssel zum Verschlag von Erwin dabei. Sie wollten sehen, ob hier vielleicht etwas gestohlen war, denn oben war nichts verschwunden. Es schien kein Einbruch gewesen zu sein. Merkwürdig war, dass dieser Mann hier eine Kühltruhe hatte. Und diese auch noch mit einem stabilen Vorhängeschloss gesichert hatte.

Als sie die Truhe öffneten, fanden sie den großen Eisblock, in dem die zerteilten Überreste von Erwins Frau lagerten.