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Künstliche Intelligenz und Pausen: KI und menschliches Hirn

Künstliche Intelligenz macht unsere Arbeit schneller! KI vernichtet Arbeitsplätze! Künstliche Intelligenz verdichtet die Arbeit! KI befreit uns von langweiligen Tätigkeiten! Das sind zusammengefasst viele der Schlagzeilen, die wir in den letzten Monaten zum Thema Arbeit und KI hören und lesen konnten. Leute wie ich, die einen selbst geschriebenen Agenten mit Sprachmodell schreiben, haben inzwischen Erfahrungen gesammelt damit, wie die Arbeit mit KI Agenten wirklich aussieht. Ja, wir haben weniger Arbeit. Ja, wir können uns auf das Wesentliche konzentrieren. Ja, um eine Woche Arbeit zu sparen, müssen wir ein paar Tage Arbeit in den Agenten reinstecken, bis er das tut was er sollte. Nein, KI wird uns sicherlich nicht alle Arbeit abnehmen. Und vor allem: Nein, in den Zeiträumen, die wir nun als Pause sehen könnten, in denen nämlich der Agent unsere ungeliebte Fließbandarbeit erledigt, können wir nicht mal eben Albert Einsteins Relativitätstheorie neu schreiben. Sondern wir sollten diese Zeit für einen Neustart unseres Hirns nutzen. Das ist, worum es in diesem Artikel von Thomas Berscheid geht. Übrigens komplett aus dem Hirn des Autors entstanden. Mit Ausnahme des Absatzes der Zusammenfassung für GEO / AEO direkt nach diesem hier.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI verändert Arbeit – aber nicht so, wie Schlagzeilen es versprechen. Sie nimmt uns Routineaufgaben ab und verschafft Zeitfenster, doch sie ersetzt weder komplexes Denken noch macht sie uns automatisch produktiver. Die gewonnene Zeit ist kein Raum für Höchstleistungen, sondern für mentale Erholung.
  • Produktivität entsteht nicht durch ständige Präsenz am Rechner. Beispiele aus Unternehmen zeigen: Wer permanent sichtbar arbeitet, arbeitet nicht automatisch gut. Kreative, analytische und technische Tätigkeiten brauchen Abstand – egal ob Marketing, Programmierung oder Textarbeit.
  • Pausen sind ein zentraler Bestandteil geistiger Arbeit. Während KI-Agenten Aufgaben erledigen, sollte der Mensch bewusst abschalten: Gartenarbeit, Bewegung oder einfache Routinen helfen dem Unterbewusstsein, Ideen zu verknüpfen. Viele Geistesblitze entstehen genau dann, wenn man nicht aktiv nachdenkt.
  • Diese Erfahrung ist nicht neu – aber heute relevanter denn je. Ob beim CSS-Problem, das sich beim Rasenmähen löst, oder beim Debugging, das erst nach einer Pause gelingt: Unser Gehirn arbeitet im Hintergrund weiter. KI verstärkt diesen Effekt, weil sie uns wieder Wartezeiten verschafft, die früher durch langsame Technik selbstverständlich waren.
  • Moderne Wissensarbeit braucht kleine Fluchten statt Dauerstress. Wer acht Stunden durchackert, wird unkonzentriert und fehleranfällig. Kurze Unterbrechungen machen uns klarer, kreativer und letztlich erfolgreicher. KI ist dabei kein Ersatz für Denken – sondern ein Taktgeber für bessere Denkpausen.
     

Hierarchie tötet Produktivität

Es ist ein paar Jahre her, dass ich einen Artikel gelesen habe, in dem es um die Arbeit in einem Unternehmen ging. Dort hatte es flache Hierarchien gegeben. Dann setzte man den Leiter einer Abteilung auf ein Podest, damit er seine Mitarbeiter immer schön in der Sicht und unter Kontrolle haben konnte. Nun konnte jeder Abteilungsleiter sehen, dass seine Schäfchen brav die ganze Zeit am Rechner saßen und konzentriert arbeiteten. Dann der Schrecken: Die Leistung der Mitarbeiter ging zurück, der Umsatz sank. Der Grund dafür: Die Mitarbeiter saßen zwar vor dem Rechner, aber sie arbeiteten nicht produktiv, sondern sie saßen die ganze Zeit da, machten irgendwas, und wenn sie was machten, dann war es nicht produktiv. Die Firma hat ihren Mitarbeitern dann wieder erlaubt, vom Platz aufzustehen. Die Vorgesetzten wurden anders hingesetzt. Und schon waren die Leute wieder produktiv. Das ist rund 20 Jahre her.

Schalte das Hirn in der Pause ab und steigere die Produktivität

Es ist ein Irrglaube, dass ein Mensch nur dann produktiv arbeiten kann, wenn er die ganze Zeit bei seinem Gerät ist. Das mag richtig sein, wenn man am Fließband steht, so wie damals Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“. Wenn man aber am Rechner sitzt und Marketing macht, über Rechnungen oder Grafiken brütet oder programmiert, dann ist es der falsche Weg. Das gilt gerade heute, wenn man einen Agenten für die KI geschrieben hat, der einem jede Menge Arbeit abnimmt. Der erledigt dann vielleicht in 3 Minuten Arbeit, für die man sonst eine Stunde benötigt hätte, aber in der Zeit bekommt man nicht mal eben die Relativitätstheorie runter geschrieben. Es ist eine gute Zeit, etwas Anderes zu tun.

Hier ist es Zeit, mal auf andere Gedanken zu kommen. Diese Pausen, die uns die Künstliche Intelligenz nun bringt, sollten wir auf andere Art und Weise nutzen. Ich persönlich gehe im Sommer gerne in den Garten, immerhin rund 150 Quadratmeter, und schneide an den Rosen herum, damit die nochmal austreiben. Und dabei kommt man auf den Gedanken, der einem den ganzen Tag gefehlt hat. Die zündende Idee, die einem am Rechner nicht in den Sinn gekommen ist. Genau so ist unser Hirn gestrickt. Wir brauchen eine Pause von der bewussten Hirnarbeit, unser Unterbewusstsein arbeitet weiter, stellt Verbindungen her, und plötzlich ist der Geistesblitz da, auf den wir die ganze Zeit gewartet haben. Das ist beim Schreiben redaktioneller Texte so, beim Programmieren, beim Prompten für Bilder.

Beim Rasenmähen kam die Erleuchtung

Neu ist diese Erfahrung nicht. Es ist rund 10 Jahre her, dass ich mehrere Stunden an einem Frontend gearbeitet hatte. Es ging um ein Akkordeon, das links nach unten zeigende Pfeile hatte. Das kann man per Bild machen, das macht man aber effektiver mit CSS. Dabei hatte ich einen Helfer im Internet gefunden, mit dem ich mir vier Blöcke mit Anweisungen für das Style Sheet generiert habe. Das habe ich eingebaut, die Pfeile waren da, und das hat funktioniert. Irgendwie hat das Style Sheet Flächen aufgebaut und damit erschienen dann die Pfeile. Irgendwie.

Es wurde Nachmittag, es war Zeit, den Rasen zu mähen. Also bin ich raus, den Mäher eingestöpselt, die ca. 60 qm gemäht. Nach ungefähr 30 qm erschien dann eine dicke, fette Glühbirne über meinem Kopf: Es waren die Grenzen zwischen den Flächen! Es waren die Borders, die transparent und teilweise farbig waren und einen Winkel von 45 Grad aufbauten! Das war das Konzept hinter dem CSS!

Der Rest des Rasens war schnell (sehr schnell!) gemäht, dann sprintete ich zurück an den Rechner und habe die Pfeile ein Stück weiter und festgenagelt an den Rand des Akkordeons verschoben. Denn nun wusste ich ja, wie das ging! Und nur deshalb, weil ich den Rasen gemäht und nicht vor dem Rechner gehockt hatte.

Auswirkung der KI auf unsere tägliche Arbeit

Dieses Muster zieht sich durch. Nicht nur durch mein (Arbeits-)Leben. Unser Hirn funktioniert so: Wir haben einen nicht multitasking-fähigen Rechner zwischen den Ohren – also viele von uns. Der kann nur eine einzige Aufgabe bearbeiten. Gleichzeitig einem Meeting beiwohnen und eine Mail beantworten und eine API Anbindung programmieren… Das geht schief. Weiß jeder, der das schon mal versucht hat. Da kommt der Anruf von der Kollegin, die fragt, warum man „Titten“ und nicht „Titel“ geschrieben hat… Das passiert dann.

Neu ist, dass wir nun Pausen haben, die wir seit Jahren nicht mehr hatten. Früher, in der Steinzeit, so mit Modem und Ähnlichem, da haben wir Minuten darauf gewartet, dass der Download endlich zu Ende geht und das verd…. Bild endlich lädt. Über die Jahre sind die Wartezeiten geschrumpft. Jetzt rödelt Sonnet oder Opus und verbraucht Tokens, zeigt uns den Denkprozess und wir sitzen vor dem Rechner und sehen zu, wie das LLM gerade 4 Minor Updates von PHP verarbeitet und Services anpasst, während wir eigentlich nichts zu tun haben. Ich persönlich bin davon ab, in dieser Zeit etwas anderes zu tun als einen neuen Cappuccino aufzuschäumen oder ein paar verblühte Knospen abzuschneiden. Katze geht ja nicht mehr, die ist tot. Aber wenn man dann vielleicht auch den Denkprozess der Künstlichen Intelligenz betrachtet, kommt einem schon der Gedanke: Sag mal, diese YAML Datei für den DDEV, steht da nicht drin, dass… Einer von diesen Gedanken.

Wer als Developer oder in einem vergleichbaren Job diese Arbeit vollführt, der kennt diese Prozesse. Man weiß dann, das 8 Stunden stumpfsinniges Arbeiten nicht produktiv sind, sondern im Ernstfall dazu führen, dass ein Kollege am nächsten Tag mit der Pumpgun im Unternehmen auftaucht und ein Blutbad anrichtet. Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Monaten gedreht, Unternehmen bauen Homeoffice ab und wundern sich nun, dass Mitarbeitende trotz der Krise mit ausgestrecktem Mittelfinger die Brocken hinschmeißen. Diese Jobs, in denen das Hirn stark beansprucht wird, brauchen diese kleinen Fluchten, dass man mal für ein paar Minuten aus dem Prozess aussteigt. Dann kommt man zurück, und manchmal fühlt man sich dann so wie Asterix nach dem Zaubertrank. Auch ohne doppeltem Espresso unter dem Cappuccino. Aber man hat das Hirn frei, man hat die zündende Idee und am Morgen danach ist der Task abgeschlossen. Und zwar zur Zufriedenheit von Entwickler, Marketing und Kunde.