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Thomas Berscheid 9 Min.
Jonas hat sich mit der Tabellenkalkulation einen Knoten ins Hirn gedacht
Jonas hat sich mit der Tabellenkalkulation einen Knoten ins Hirn gedacht

Der Knoten im Hirn und die schlagende Lösung

Das Wichtigste in Kürze

  • Jonas steckt an einem dieser Tage fest, an denen das Hirn streikt und der Büroalltag nur noch aus Knoten, Zahlenchaos und verzweifelten Buchhaltern besteht. Als die Tabellenkalkulation für den Chef endgültig seinen Verstand verknotet, flieht er aus dem stickigen Büro in Richtung firmeneigene Sporthalle, um den Kopf freizubekommen.
  • Dort trifft er – eher zufällig als geplant – auf Miriam, die selbst mit einem Kreativitätsknoten kämpft und ihre TikTok‑Kampagnen im Kopf sortieren will. Während sie sich dehnt, hält sie Jonas fälschlicherweise für einen Spanner. Ihr Impuls: Angriff. Jonas’ Reflex: Ausweichen. Das Ergebnis: Er knallt mit voller Wucht gegen den Beachvolleyball‑Pfosten.
  • Während Jonas mit Eisbeutel wieder zu Bewusstsein kommt, löst sich plötzlich sein Denkblockade‑Problem wie von selbst. Der rettende SQL‑Gedanke schießt ihm durch den Kopf, Deniz erkennt sofort die Lösung – und Miriam merkt, dass sie den Falschen angebrüllt hat.
  • Gemeinsam gehen sie zurück ins Gebäude, wo IT‑Wissen und Mathematik zuhause sind. Der Knoten ist geplatzt, die Lösung gefunden, und alle drei wissen nun: Beim nächsten mentalen Stau hilft nicht Flucht oder Faust, sondern ein kurzer Weg zur richtigen Abteilung.

Jonas sucht seine Körperteile und geht zum Sport

Das war wieder einer dieser Tage, die man aus dem eigenen Kalender am liebsten direkt wieder rauslöschen würde. Schädel aufmachen, mit der Zange ins Hirn, die betroffenen Neuronen herausreißen und in der Kantine lecker zubereiten lassen. Es war Nachmittag. Jedenfalls deuteten das die Farbtöne vor dem Bürofenster an. Das Fenster sah speckig aus, staubig, ein schöner Filter, Angst vor Sonnenbrand musste Jonas auch bei praller Sonne vor dem Fenster nicht haben. Der Fensterputzer musste als Erstes zu Hause bleiben, als die letzte Krise begann. Die war zwar fast vorbei, aber der Fensterputzer kam nicht wieder.

Dafür war Jonas noch da. Also zu einem Teil. Der Körper… Ja, der war da, der saß auf einem auch schon etwas in die Jahre gekommenen Stuhl vor einem nicht mehr ganz taufrischen Schreibtisch. Die Arme… Ja, die waren auch da. Die lagen auf dem Schreibtisch, still, regungslos. Denn weiter oben, hinter der Stirn, unter den dunkelblonden Haaren, da sollte nun eigentlich ein Hirn arbeiten. Tat es aber nicht.

„Ich könnte die Zange nehmen“, dachte ein noch funktionierender Teil im Hirn von Jonas, „Schädel aufklappen und den Knoten rausholen.“

Der Knoten. Ja, das war es. Der Knoten im Hirn. Die Sackgasse. Am Vormittag war der Chef der Buchhalter aus dem anderen Flur, in dem es immer so komisch nach Bohnerwachs und Kölnisch Wasser roch, zu ihm gekommen. Hell aufgeregt. Selten für einen der Buchhalter, die sich ihren Gesichtsausdruck nach dem Rasieren am Morgen gleich mit dem Tacker festklammerten. Der große Chef hatte nach ein paar Zahlen gefragt. Nicht auf Papier, nein, der Chef wollte eine Tabellenkalkulation. Und nicht schon wieder mit diesem Taschenrechner auf dem Tisch, aus dem immer so ein sinnloses Papierband rauskam, das die Putzfrauen dann als Sondermüll entsorgen mussten. Nun war es an Jonas, dem Chef der Buchhalter aus der Nase zu ziehen, wo die Zahlen herkommen und wie sie zusammengerechnet werden sollten. Eigentlich eine einfache Sache, aber dann waren da andere Länder der EU, andere Steuersätze, andere… An diesem Punkt war der Knoten in der Masse erschienen, die Jonas bis dahin sein Hirn nennen konnte.

Es hatte keinen Sinn, vor diesem Schreibtisch sitzen zu bleiben. Sollte er es machen wie der ältere Kollege aus der Buchhaltung, den sie seit Tagen nicht mehr gesehen hatten, dessen Wagen aber seit Tagen unverändert unten auf dem Parkplatz stand? Der morgens eine Flasche Weizenkorn in das Schubladenfach seines Schreibtischs steckte und die leere Flasche am Nachmittag wieder mitnahm? Nein, das war keine Sache für Jonas. Auch der Joint des Auszubildenden aus der Buchhaltung am Morgen war nicht sein Ding. Er nahm die Kaffeetasse hoch. Espresso Nr. 6 heute war bereits in ihm. Auch keine gute Idee.

Er warf einen Blick durch den Staubfilter. In der realen Welt war Sonne. Also stellte er die Tasse ab, stand auf und ging in den Flur. Er brüllte Deniz noch ein paar Wortfetzen zu, aus denen er selber nicht schlau wurde. Nur raus aus dem Büro. Raus aus dem Gebäude. Raus aus der Bubble.

Die Firma war schon ein wenig älter, ein Hidden Champion aus dem Maschinenbau, auf der Höhe der Zeit. Hier gab es einen Betriebsrat, der hatte durchgesetzt, dass Kolleginnen und Kollegen sich entspannen konnten, um das Hirn frei zu bekommen. Damit sie das nicht mit externen Drogen machen sollten, baute man eine nicht mehr gebrauchte Lagerhalle zur Sporthalle um. Glatter Boden, auf dem man sich nicht gleich die Knie aufschlägt, wenn man über die Beine eines anderen Kollegen stolpert. Ein paar Sportgeräte, Gewichte und andere Foltergeräte für die Muskeln. Draußen vor der Tür ein ganz großer Spielkasten. In der Mitte ein Netz. Hier konnten sie Beach Volleyball trainieren oder den Hund kacken lassen. Meist nur einmal, und dafür gab es Gründe.

Einer dieser Gründe stand gerade am Rand des Sandplatzes. Miriam. Jonas kannte sie flüchtig. Sein Blick fiel auf sie. Und blieb dort. Sie machte ein paar Verrenkungen, als wolle sie gleich zum Bouldern in die Eiger Nordwand einsteigen. Enger Jogginganzug. Sie war in die Entspannung versunken. Auch sie hatte einen Knoten im Hirn, denn die verdammte Planung für die TikTok-Kampagnen für das nächste Quartal musste morgen fertig sein. Und was gab es besseres als seine innere Mitte zu finden und die Oberschenkel zu quälen, damit der Knoten im Hirn endlich aufging?

Miriam findet ihre Mitte und will die Faust trainieren

Miriam atmete tief durch. Ein Teil des Knotens war weg. Nicht der ganze Knoten, aber ein Teil davon. Sie öffnete die Augen, um das wahre Leben wieder auf sich herein prasseln zu lassen.

Jonas packte sich an den Hintern. Dort, in der Gesäßtasche seiner Jeans, steckte sein Handy. Irgendwas war gerade reingekommen. Er nahm das Samsung und wischte mit dem Daumen über das Display. Löste den Blick von Miriam. Ging einfach weiter, um zu lesen, was der jüngere Kollege gerade an mathematischen Methoden erdacht hatte. Er hatte Deniz heute Morgen ebenfalls auf eine Tabellenkalkulation angesetzt.

Miriam fand sich nun komplett in der realen Welt wieder. Doch was sie gerade mit ihren Augen sah, gefiel ihr gar nicht. Da war wieder einer von diesen Typen, der schöne Bilder für ein Incel-Forum machte? Einer von diesen Wichsern, die Frauen das Handy unter den Rock hielten? Ihr erster Gedanke war böse. Einem von den Typen wollte sie es mal so richtig besorgen. Allerdings nicht zwischen den Beinen. Und nicht mit den Händen, sondern mit einem ordentlichen Tritt ins Gemächt. Oder zumindest etwas Training für die Arme. Sie machte einen Schritt auf den Typen zu und brüllte ihm ein paar Worte entgegen.

„Was war das?“ dachte Jonas bei sich, als er vom Display aufblickte. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass sich ein Schatten von der Seite näherte. Ein aufbrausender Schatten. Mit Worten, die noch mehr aufbrausend waren. Und einer rechten Faust, die sich schnell seinem Kopf näherte. Viel Zeit zum Nachdenken blieb Jonas nicht. Kaum dachte er, dass da eine Faust näherte, da wich er auch schon aus.

Allerdings hatte er zwei Dinge nicht beachtet. Bislang war er am Rand des Sandplatzes lang gegangen. Nun trat er auf den Sand. Und dort, wo sein Kopf hinwollte, war der ziemlich stabile Pfahl für das Netz. Die Gesetze der Physik sollten nun erneut ihr bösartiges Antlitz erheben.

Miriam bringt das Hirn von Jonas mit einem Eisbeutel wieder in Schwung
Miriam bringt das Hirn von Jonas mit einem Eisbeutel wieder in Schwung

Jonas fühlt das Eis und findet die Lösung

Miriam lupfte den Eisbeutel aus der Kühltruhe in der Sporthalle ein wenig. Sie warf einen Blick auf das Gesicht von Jonas. Er zuckte mit den Lidern.

„Ich glaube, er kommt wieder“, sagte Deniz mit einem sorgenvollen Unterton in der Stimme.

„Puh…“ strömte Miriam die Luft aus den Lungen. Die letzten Minuten hatte sie unter Strom gestanden wie schon lange nicht mehr. Sie wollte diesen Typ zur Rede stellen, aber gerade als sie ihn erreicht hatte, da zuckte der zurück und knallte volle Kanne mit der Birne gegen den Pfosten… Selbst Schuld, dachte sie zuerst. Bis sie auf sein Handy sah. Auweia. Die Kollegen aus der IT. Die Namen kannte sie ja, aber die Gesichter… Sie schickte dem Kontakt in der Nachricht auf dem Bildschirm eine Sprachnachricht. Kaum eine Minute später war Deniz bei seinem Chef. Und eine weitere Minute später war der Eisbeutel auf Jonas’ Stirn.

Dessen Hirn startete gerade neu. Oh, da war Himmel. Oh, da war Deniz, mit einem komisch besorgten Ausdruck im Gesicht. Oh, da war diese… Ja, diese Kollegin, die… Und was war das kalte Zeug da auf seinem…

„Alles in Ordnung?“ fragte Miriam, und ihr Ton klang so gar nicht nach „Ich hau dir in die Fresse!“

Jonas öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Doch dann zuckte es in seinem Hirn. War es die Ohnmacht? War es der Eisbeutel? War es einfach die frische Luft?

„Der SQL Query!“ stammelte Jonas und richtete sich ruckartig auf. Er schrie Deniz förmlich an. „Wir machen das auf dem Server und hauen den Driss in die Tabelle rein!“ fügte er hinzu.

Der Gesichtsausdruck in Deniz’ Gesicht wandelte sich in Sekundenschnelle von Besorgnis in Erkenntnis. „Verdammt, ja!“ antwortete er mit ansteigenden Mundwinkeln.

„Äh, Jungs“, warf Miriam ein, die sich langsam Sorgen um die beiden männlichen Wesen machte, „soll ich vielleicht den Arzt rufen?“

Jonas wandte sich zu ihr um. Richtete sich auf. So langsam kam ihm in Erinnerung, was vor dem Lösen des Knotens im Hirn geschehen war. Sehr langsam.

„Was ist passiert?“ fragte er Miriam.

Sie deutete mit dem Arm erst auf seinen Kopf und dann auf das Netz.

„Kopf“, sagte sie, „Pfosten.“

Jonas griff sich an diesen Kopf. Er war kühl, kein Wunder nach dem Eisbeutel. Aber er war intakt. Und er hatte keinen Knoten mehr.

„Was für ein mathematisches Problem hattet ihr da eigentlich?“ fragte sie beide Männer, während sie Jonas die Hand zum Aufstehen reichte. Er erklärte in drei Sätzen, worum es ging.

„Könnt ihr eine Zeitreihe machen?“ fragte sie dann, und die bösen Gedanken der letzten Minuten verschwanden. Dafür sprudelte ihre Herausforderung aus ihrem Mund heraus.

Als sie alle zusammen auf dem Weg zu dem Gebäude waren, in dem das Wissen der IT und der hohen Mathematik in der Firma zu Hause waren, hatte sich der Knoten bei allen gelöst. Und sie wussten, wo sie beim nächsten Mal Hilfe holen konnten.