Die Erfindung der Maultasche: Ein Märchen von Thomas Berscheid
Dies ist ein Märchen. Dies ist keine Beschreibung einer wahren Tatsache sondern eine ausgedachte Geschichte. Aber genauso hätte es sich abspielen können.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Aufbruch des Rebellen: Die Geschichte erzählt von Erwin, einem jungen Schreinergesellen, der sich gegen den Willen seines Vaters auf die Walz begibt. Anstatt nur Holz zu bearbeiten, gilt seine wahre Leidenschaft der Magie des Kochens, die er schon früh in der heimischen Küche bei seiner Mutter bewundert hat.
- Erste kulinarische Experimente: In einer fernen Stadt verbindet Erwin sein handwerkliches Geschick mit seinem Wissensdurst. Inspiriert von Erzählungen über gefüllte Teigwaren aus dem Süden, experimentiert er nachts heimlich mit Teig und Käse – die Geburtsstunde seiner ersten eigenen Teigtaschen, die bei seinen Mitmenschen auf helle Begeisterung stoßen.
- Vom Schreiner zum Weltenbummler: Seine Reise führt ihn weiter über den Bootsbau bis auf das offene Meer. Erwin beweist dabei nicht nur Mut, sondern rettet durch seine Handwerkskunst sogar ein Schiff in Seenot, was ihm den Respekt erfahrener Seeleute und eine Passage in den fernen Osten einbringt.
- Kultureller Austausch im Kaukasus: In den entlegenen Bergdörfern des Kaukasus trifft Erwin auf eine jahrhundertealte Tradition, Fleisch in Teig zu hüllen. Inmitten wehrhafter Steintürme und rauer Natur verfeinert er sein Wissen über diese Speisen und schlägt so eine kulinarische Brücke zwischen seiner Heimat und der Fremde.
- Ein Märchen über Tradition und Leidenschaft: Die Erzählung ist ein fiktives Märchen, das die Entstehung der Maultasche als Ergebnis von Wanderlust, handwerklichem Können und der Neugier auf fremde Kulturen interpretiert. Sie feiert den Mut, eigene Wege zu gehen und Altes mit Neuem zu verknüpfen.
Der junge Handwerksbursche Erwin will als Schreiner auf die Walz gehen
Es war einmal ein einfacher Handwerksbursche. Der junge Mann war gerade mit der Schule fertig geworden. Doch noch bevor er zum letzten Mal von der Schulbank aufstand und die letzten Schläge des Schulmeisters hinnehmen musste, kamen die Onkel und die Tanten und fragten den armen Jungen, nennen wir ihn Erwin, was er denn werden wolle wenn er mal groß werde. „Dein Vater ist Schreiner“, sagte ein Onkel. „Du wirst auch Schreiner. Das bleibt in der Familie.“
Aber Erwin wollte kein Schreiner werden. Er stand lieber bei der Mutter in der Küche und sah zu, wie sie magische Dinge vollbrachte. Ja, Erwin lebte in der Zeit, in der man Frauen als das Fleisch gewordene Böse betrachtete, in denen man sie als Hexen bezeichnete, sie mit glühenden Eisen folterte und sie auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Also wagte er kaum seine Mutter zu fragen, wie es denn sein könne, dass sie einen weichen Haufen Teig in den Ofen schiebe und ihn später als Brot mit goldbraun gebackener Kruste wieder heraus nahm. Oder wie es kommt, dass sie ein Schwein im Hof des Schwagers auswählte und später am Sonntag ein leckerer Braten auf dem Tisch stand. Viel lieber als Schreiner wäre er also Koch geworden. Denn ein Stück Holz blieb ein Stück Holz, auch wenn man es mit der Säge und dem Hobel in Form brachte und damit ein Haus baute.
„Ich will aber nicht!“ schrie der kleine Erwin seinen Vater an.
„Du wirst Schreiner!“ schrie der Vater den Sohn an und setzte ihm eine Maulschelle, dass die Backe krachte. Erwin wollte weinen, aber er wollte nicht als eine Memme vor seinem Vater stehen. Also rannte er aus dem kleinen Haus der Familie in den Wald, lehnte sich gegen einen Baum, den Papa morgen fällen wollte, und schluchzte hemmungslos vor sich hin.
So begab es sich, dass Erwin sich fügte und in die Fußstapfen seines Vater, seines Großvaters und seines Urgroßvaters trat. Er wurde Schreiner wie die Männer in den Generationen vor ihm. Er lernte von seinem Vater, wie man einen Baum im angrenzenden Wald fällte, ihn entrindete, ihn entlang der Holzfasern zersägte oder mit dem Beil in passende Stücke schlug, wie man Bretter daraus formte, Zapfen setzte. Er lernte wie man einen Schrank baut und einen Dachstuhl formte. Doch am liebsten war ihm die Arbeit, die Späne und nicht mehr verwertbaren Holzstücke in einen Eimer zu fegen, zur langsam grau werdenden Mutter in die Küche zu bringen und damit zu kochen. Manchmal, wenn der Sommer sich dem Ende näherte, ging er aus dem Haus und durch den Wald zu dem Feld des Bauern Häberle und glitt mit den Fingern über den Weizen, der reif für die Ernte war. Sollte er von einem Schrank träumen, wie es der Tradition der Familie entsprach? Nein. Er träumte von einem großen Weizenfeld, träumte von anderem als dem Brot, dass es tagein, tagaus gab. Es war leckeres Brot, ohne Frage, und wusste auch mittlerweile genau wie man einen Teig zubereiten musste, wie lange man ihn kneten und ruhen lassen sollte, wann das Geräusch des auf den Tisch platzenden Teigs ihm sagte, dass er reif für den Ofen sei. Er hatte gehört, dass es weit im Süden, hinter den großen Bergen, Menschen gab, die den Teig mit einem runden Holz ausrollten und in kleine lange Stücke schnitten. Manchmal machten sie die Stücke auch größer und taten etwas Fleisch oder Käse hinein und kochten das ganze. Es war eine dieser Geschichten, die Erwin vor kurzem von einem Kollegen seines Vaters gehört hatte, denn der war auf der Walz gewesen und hatte in fremden Ländern gearbeitet.
„Ich will auf die Walz gehen!“ sagte Erwin seinem Vater.
„Du wirst tun was…“ begann sein Vater und erhob die Hand, um seinem Sohn erneut eine Maulschelle zu verpassen. Er holte und setzte zum Schlag an. Doch die Bewegung seines Arms endete abrupt am linken Arm seines Sohn. Erwin war nun kleiner Junge mehr. Er war nicht nur so groß wie sein Vater. Er war auch mindestens so stark wie sein Vater. Der ließ den Arm sinken.
„Wie kannst du es wagen…“ empörte sich der Vater.
„Morgen breche ich auf“, entgegnete Erwin und sah seinem Vater mit festem Blick in die Augen. „Und du wirst mich nicht daran hindern.“
So machte sich Erwin, nun ein junger Mann von knapp 20 Jahren und bislang nicht weit über die Grenzen des Dorfes heraus gekommen, auf die Walz. Die Mutter stand an den Türsturz gelehnt und vergoss bittere Tränen ob ihres Sohnes, den sie vielleicht niemals mehr wiedersehen würde, denn die Welt außerhalb des Dorfs war ja brutal und gewalttätig. Auch sein Vater hatte einen Kloß im Hals, vielleicht hätte er seinen Sohn doch besser seinen Willen… Er ließ es sich nicht anmerken, denn bald war er der einzige erwachsene Mann im Haus und er hatte seine Rolle zu spielen.
Nur einmal kurz drehte Erwin sich um, wand seiner Mutter sein Gesicht zu und verschwand im dunklen Wald. Seine Mutter und sein Vater sollten nicht sehen, dass er feuchte Augen hatte.
Der Schreiner kommt in die große Stadt
Noch nie war Erwin so weit weg von zu Hause gewesen. Ihm war mulmig, als er durch den dunklen Wald ging, als er am Feld des Bauern Häberle vorbeikam, auf dem gerade der junge Weizen den Weg ins Leben suchte. Genauso wie Erwin selber diesen Weg suchte. Nun führte ihn dieser Weg in die große Stadt. Noch nie hatte Erwin so hohe Häuser gesehen. Und so viele Häuser! Fast wäre er von einem Pferd zu Boden getreten worden, das einen Wagen mit teuer gekleideten Menschen hinter sich herzog, denn Erwin war den Verkehr in der großen Stadt nicht gewohnt.
Was er auch neues sah, war der große Fluss inmitten der Stadt. Hui, war das ein großes Gewässer! Die Häuser auf der anderen Seite sahen so klein aus wie Puppenhäuser, so breit und mächtig war dieser Fluss. Wo mochte der hinführen? Erwin schlenderte den Fluss entlang, passte nun auf die Pferde und die Wagen mit den Fischen auf und lies die Eindrücke auf sich wirken.
Da hörte er ein Krachen. Ein Mann sprang vom Kutschbock seines Wagens ab, pfefferte die Peitsche für das Pferd auf den Kutschbock und rannte wütend ans hintere Ende des Wagens, dort wo es gekracht hatte. Der Mann warf einen Blick auf das hintere Holzrad. Und brüllte ein böses Wort, das Erwin bislang noch nie gehört hatte. Aber es war nicht das Schimpfwort, das Erwin anzog. Es war das geborstene Stück Holz, das den Lärm verursacht hatte.
Während der Fahrer seine Mütze vom Kopf nahm und sich nachdenklich in den schütteren Haaren kratzte, stellte sich Erwin neben ihn.
„Kann ich helfen?“ fragte Erwin unvermittelt.
„Wer bist denn…“ drehte sich der Kutscher überrascht zu dem jungen Mann um, damit er ihm mal ordentlich die Meinung… Dann sah er die schwarze Hose, die unten breit wurde, die schwarze Jacke und den schwarzen Hut mit der breiten Krempe.
„Bist du auf der Walz?“ fragte der Kutscher neugierig. „Kannst du die Speiche wieder in Ordnung bringen?“
„Nichts leichter als das!“ antworte Erwin erfreut und machte sich daran, seinen Charlottenburger abzunehmen, das Bündel, in dem er sein weniges Hab und Gut verstaut hatte.
„Warte mal“, fragte der Kutscher mit einem Hauch von Angst in der Stimme, „was wird mich das kosten?“
Erwin schüttelte den Kopf. „Zeig mir die Stadt“, war seine Antwort. Dann nahm er einen Hammer und einen Meißel aus seinem Bündel. Mit geschickten Handgriffen holte er die gebrochene Speiche aus ihrer Nut, hobelte ein paar Splitter des geborstenen Holzes ab und setzte sie gerade wieder ein. Mit zwei kleinen Stücken Holz aus seinem Bündel und einem stabilen Band legte er eine Schiene um die geborstene Stelle.
„Das muss jemand bald in Ordnung bringen“, sagte Erwin nach getaner Arbeit, „aber so kann die Fahrt erstmal weitergehen“.
„Steig auf!“ zeigte der Kutscher auf die andere Seite des Kutschbocks und nahm selber den Platz ein.
Und so kam Erwin, dessen Leben bislang um das Dorf kreiste in dem er seine ersten Atemzüge getan hatte, in die große Stadt. Der Kutscher brachte eine Ladung Stoffe zu einem Händler und fuhr mit Erwin weiter zu einem befreundeten Handwerker. Der arbeitete viel mit Holz und konnte eine helfende Hand wie die von Erwin gut gebrauchen. So kam es, dass Erwin seine erste Arbeitsstelle bei einem Zimmermann bekam. Der Sommer kam und ging. In dieser Zeit baute Erwin den Dachstuhl eines neuen Hauses, schreinerte einen Schrank für ein jung verheiratetes Paar und stattete eine Wirtschaft mit neuen Stühlen aus.
Doch es war nicht das Einzige, was Erwin auszeichnete. Er ging oft in die Küche und freundete sich mit der Frau des Meisters an. Auf dem stabilen Tisch in der Küche knetete er mit Hingabe einen Klumpen Teig und schob ihn in den Ofen. Als der Meister, die Herrin des Hauses und die Gesellen von diesem Brot aßen, sagte der Meister, dass Erwin nun eine Stunde am Tag früher frei habe, damit er Brot für alle machen könne. So kam Erwin dazu, nicht nur mit Holz zu arbeiten, sondern auch neue Dinge mit dem Brot ausprobieren zu können.
Das Essen am Abend war wie gewohnt eine Erleichterung nach der schweren Arbeit. Auch die Frau des Hauses saß mit am Tisch und war glücklich, denn Erwin hatte ihr eine Menge Arbeit abgenommen. So saßen sie beieinander im lockeren Gespräch. Einer der anderen Handwerker bei diesem Meister war auf der anderen Seite der großen Berge gewesen und hatte tatsächlich gesehen, dass sie dort aus Weizen einen Teig machen und diesen nicht kochen sondern Dinge reintun und diese dann kochen. Er selber habe davon gegessen, wisse aber nicht, wie man das mache.
Was folgte, war eine dieser Nächte, in denen Erwin nicht schlafen konnte. Mitten in der Nacht ging er hinunter und heizte den Herd mit Holzresten von gestern an. Er nahm etwas Mehl aus dem Schrank, formte mit Wasser und Salz einen Teig ein walzte ihn mit einem runden Holz flach aus. Im Schrank war noch etwas alter Käse. Er porkelte Stücke vom Käse auf den flach ausgeformten Teig, schnitt mit dem Messer Stücke aus dem Fladen und faltete sie zusammen. In der Zwischenzeit hatte er Wasser mit ein wenig Salz in einem Topf zum Kochen gebracht. So warf er die Brocken Teig ins Wasser und ließ sie kochen. Nach einer kurzen Zeit schwammen sie oben auf. Erwin nahm einen Holzlöffel und fischte einen der Teigbrocken aus dem heißen Wasser. Hui, wie der leckere Brocken dampfte! Ein-, zweimal blies Erwin auf den Teigbrocken. Dann biss er hinein. Der geschmolzene Käse schmiegte sich wie ein williges Tier an seinen Gaumen und verwöhnte seine Geschmacksnerven.
„Was machst du da?“ hörte er plötzlich eine müde Stimme von der Seite.
Erschrocken wandte Erwin sich um. Bei dem Ruck, den er wie vom Blitz getroffen machte, fiel der Rest des Teigbrockens zu Boden und schlitterte über den groben Steinboden, direkt vor die Füße der Frau, die eine Kerze in den Hand hielt, in ein grobes Nachtkleid aus Leinen gekleidet war und ihre Haare unter der Nachthaube trug. Die Dame des Hauses war von den Geräuschen in der Küche wach geworden. Erwin stammelte etwas von einem Versuch, den er unbedingt… Sie ging wortlos an den dampfenden Topf, nahm einen Holzlöffel und fingerte ihrerseits einen Brocken aus Teig aus dem Topf. Auch sie pustete mehrere Male kühlende Luft auf den Teigbrocken. Biss zaghaft hinein. Mit dem ersten Kauen war sie hellwach.
„Das ist ja total lecker!“ schwärmte sie mit vollem Mund, wie es sonst nicht ihre Art war. „Wo hast du das her?“
„Öh….“ stammelte Erwin und wand sich mit einer Mischung aus Freude und Ratlosigkeit vor dem Herd. „Meine Idee. Habe ich mir ausgedacht.“
Und so standen die Hausherrin und der Schreinergeselle auf der Walz bis zum Sonnenaufgang in der Küche und dachten sich neue Rezepte aus. An diesem Nachmittag, als er wegen der durchwachten Nacht ohnehin schon sehr müde war, kam die Hausherrin auf die Baustelle und drohte ihrem Mann, sie werde ihn verhungern lassen, wenn er den Gesellen auf der Walz nicht früher aus der Arbeit entlasse. Gemeinsam standen sie in der Küche bis die anderen Handwerker und der Hausherr nach Hause kamen. Misstrauisch sahen sie zu, wie Erwin gekochte Brocken aus Teig aus dem Topf holte und ihnen auf den Teller tat. Später lief einer der Gesellen zu dem Weinhändler ein paar Häuser weiter und holte mehrere große Humpen von dem trockenen Roten, denn alle wollten Erwin hochleben lassen. So gut hatten ihnen allen die Brocken aus Teig und Käse geschmeckt.
Ein Schreiner wird zum Bootsbauer
Als die Tage wieder länger wurden, juckte es Erwin in den Beinen, denn er wollte ja etwas lernen und die Welt bereisen. Es wurde ein trauriger Abschied, die Hausherrin umarmte ihn als letzte und selbst der Meister musste sich eine Träne aus den Augen wischen, als Erwin sein Bündel schnürte und sich in seiner Tracht des Gesellen auf der Walz auf den Weg machte. Der Meister hatte ihm zum Abschied einen Tipp gegeben. So stieg Erwin ein paar Berge hinauf und hinab, folgte dann einem großen Fluss bis zu einer Stadt, die nicht so groß war wie die letzte, in der es aber einen Mann gab, der Boote und Schiffe aus Holz baute. Erwin war in der Zeit, die er beim letzten Meister verbracht hatte, ein wenig erwachsener geworden. Ein richtig alter Mann war er noch nicht, aber ein kleiner Junge war er auch nicht mehr. Er trat sicherer auf als früher. Also fragte er einfach ein paar Leute, als er in die neue Stadt kam, wo er den Bootsbauer finden konnte, was er sich zuvor kaum getraut hätte. Und so fand er den Mann, der aus Bäumen Boote machen konnte.
Gleich am nächsten Tag fing Erwin bei dem Bootsbauer an. Bei seinem eigenen Vater hatte er ja gelernt, wie man den richtigen Baum für einen bestimmten Zweck findet. Der Bootsbauer zeigte ihm, wie sie junge Bäume mit Seilen in eine Form gezwängt hatten, damit man aus ihnen Spanten für den Aufbau eines Schiffes machen konnte. Der Bootsbauer zeigte ihm auch, wie man mit kleinen Hieben mit der Axt aus einem Ast oder einem Stamm, vor allem wenn er krumm gewachsen war, ein passendes Bauteil aus Holz zurecht formen konnte. Er brauchte die Säge kaum, denn wenn er die Axt immer parallel zu den Holzfasern in den Stamm schlug, erhielt er ein gebogenes Brett, dass gleichzeitig leicht, bruchfest und unglaublich stabil war. Erwin war über alle Maßen stolz, als sein erstes Schiff, ein kleiner Kahn für einen Fischer auf dem Fluss, vom Stapel lief und auf dem Wasser schwamm, so als habe Erwin nie etwas anderes getan als Schiffe zu bauen.
Doch es lief nicht gut mit dem Bootsbauer. Vielleicht war er eifersüchtig auf die Künste, die Erwin mit der Axt entwickelte. Vielleicht war es auch die Eifersucht auf die Hausfrau, die von den Kochkünsten des jungen Schreiners begeistert war und ihre ehelichen Pflichten vernachlässigte. In einer Nacht, als er wieder zu viel Wein getrunken hatte, wollte der Meister mit dem Beil auf Erwin losgehen, der in seinem kärglichen Nachtlager schlief. Doch er fiel über das Bündel, das Erwin vor seinem selbst gezimmerten Bett abgelegt hatte, und rammte sich das scharfe Blatt der Axt zwischen die Beine. Nun war klar, dass der Meister niemals weitere Kinder bekommen würde.
Es war der Fischer, der so begeistert war von Erwins erstem Boot, der ihn auf eine neue Idee brachte. Manchmal, wenn er gesalzene Fässer mit Fisch zu den Klöstern und in andere Städte brachte, hörte er Geschichten von anderen Menschen, von fernen Ländern, von fremden Menschen, von früheren Zeiten. Als der Fischer Erwin ins Gasthaus einlud, um den erfolgreichen Abschluss der Fangsaison mit dem neuen Kahn zu feiern, da erzählte ein Kollege des Fischers von den Argonauten und dem goldenen Vliess. Erwin hörte atemlos zu. Eine ähnliche Geschichte hatte ihm sein Opa schon einmal erzählt, kurz bevor er seine letzten Atemzüge getan hatte. Dieser Kollege glaubte an einen anderen Mann als Erwin und die anderen Leute, die Erwin bislang kennen gelernt hatte. Also nicht einen anderen Gott, aber etwas war bei dem was er immer erzählte doch anders als der Pfarrer es Erwin seit der Kindheit eingeprügelt hatte. Und diese Menschen waren im Land nun nicht mehr gern gesehen, denn der König brauchte neues Geld für seine Schlösser und deshalb hatte er sich eine Gruppe von Menschen ausgesucht denen er das Geld wegnehmen konnte. So rotteten sich diese armen Menschen heimlich in den kalten Nächten des Winters zusammen und berieten was sie tun sollten. Da gab es eine Königin weiter im Osten, bei der sollten zwar nicht Milch und Honig fließen, dort sollte es aber Land für willige Bauern geben und die Möglichkeit nicht von Soldaten aufgeschlitzt zu werden. So legten diese Menschen ihr noch verbliebenes Geld zusammen und bestellten bei dem Bootsbauer kleine Schiffe, die sie auf dem großen Fluss nach Osten bringen sollten.
Nun hatte der Bootsbauer aber nicht mehr so viel Kraft wie früher, denn er hatte sich ja mit dem Beil zwischen die Beine geschlagen und sich selbst der Manneskraft beraubt und viel Blut auf dem Boden vor Erwins Bett gelassen, und so übernahm Erwin den Bau. Er musste die Schiffe nebenbei anfertigen, denn eigentlich hatte der Bootsbauer noch andere Aufträge, aber Erwin hatte einen Traum. Als das letzte der Schiffe fertig war, setzte Erwin sich heimlich eines Abends mit dem Kollegen des Fischers zusammen und präsentierte ihm seinen Plan. Er bekam das Boot billiger. Dafür wollte er auf dem Boot mitfahren.
Und so kam es, dass Erwin mit dem Ende dieses Winters erneut sein Bündel schnallte. Diesmal fiel ihm der Abschied nicht schwer, denn er hatte zwar der Frau den Bootsbauers in kalten Nächten den Bauch gewärmt und dafür gesorgt dass sie bald noch einen Sohn oder eine Tochter erwartete, aber der Bootsbauer selber hatte von Tag zu Tag weniger Leben im Körper, denn die Wunde wollte nicht heilen. So bestieg Erwin zusammen mit ein paar anderen Frauen, Kindern und Männern das eigene Boot und löste die Seile des Bootes.
Der Schiffer kann den Fluss lesen
Für Erwin war die Fahrt auf dem Boot etwas Neues. Zeit seines Lebens hatte er Wasser nur von außen gesehen: In der Regentonne vor dem Haus seiner Eltern, in dem Teich am Rande des Dorfes, die letzten Wochen einige Male in Flüssen. Nun auf einem schaukelnden Boot zu stehen und die sanften Wellen des Flusses abzureiten war eine vollkommen neue Erfahrung für ihn. Auch für seinen Magen. Erwin spürte dass ihm ein wenig schwummrig im Kopf und flau im Bauch wurde. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen und schluckte das saure Zeug aus dem Magen wieder herunter, das eigentlich aus seinem Mund heraus wollte. Wie sollte es erst werden, wenn sie zu der großen See kamen, dort, wo es wilde Winde und große Wellen gab, von denen der Fischer erzählt hatte? Langsam beschlichen ihn Zweifel, ob er mit seiner Reise das Richtige tat.
Doch wie ein Wunder kam der nächste Tag und Erwin schaukelte nicht mehr über das enge Deck, sondern trat mit Beinen auf das Holz, denen das Schwanken und Schaukeln des Schiffes nichts anhaben konnte. Frohen Mutes nahm er das Ruder und folgte den Anweisungen des Schiffers, der genau wusste, wo sich im Fluss die Riffe und Felsen verbargen, wo sich Wellen bildeten und Sandbänke lauerten. Mit den Tagen an Bord und am Ruder begann Erwins Respekt vor dem Fischer zu wachsen. Dieser Mann konnte den Fluss lesen! Alleine an der Farbe des Wassers, an den Wellen und der Strömung wusste der Fischer, wo man eine Sandbank oder ein Riff vor sich hatte. Als habe er einen sechsten Sinn stand der Fischer am Bug und rief Kommandos zum Steuergänger, denen auch die anderen Schiffe blind folgen konnten. So steuerte er das Boot durch ein Felsentor, durch Wälder und an Feldern vorbei bis zu einer Landschaft, die flach war und in der der zuvor oftmals wilde Fluss seine Kraft verlor und in die Breite ging.
Erwin ist zum ersten Mal auf einem Schiff
Zum ersten Mal in seinem Leben sah Erwin ein Meer. Es sollte schwarz sein, es war dunkel, aber es sah ruhig aus. Er warf einem Mann am Ufer des Flusses ein Seil zu, verknotete sein Ende am Boot und schnürte sein Bündel. Der Fischer verabschiedete ihn mit feuchten Augen. Er gab Erwin zudem den Namen einer Frau mit, die ihm weiterhelfen konnte, über das Meer zu kommen. So machte sich der Schreiner auf der Walz auf den Weg zu der Händlerin. Schon einen Tag später ging Erwin an Bord eines Schiffes, das deutlich größer war als das Boot, das er mit seiner Hände Arbeit geschaffen hatte.
Hatten die Wellen auf dem langen Fluss den Magen in Erwin ein wenig gereizt, so stießen ihn die Wellen auf dem Meer nun richtig an. Kaum hatte das Schiff die Segel gesetzt und das Ufer aus der Sicht verloren, da frischte der Wind auf und kaum eine Stunde später brachen die ersten Wellen über die Bordwand. Und nicht nur die Wellen brachen. Erwin kotzte sich die Seele aus dem Leib. Er ging unter Deck, einen Holzeimer als ständigen Begleiter. So verging die Nacht, ohne dass Erwin auch nur ein Auge zu tat.
Die brechenden Wellen des Meeres brachten nicht nur Erwins Magen in Aufruhr. Als der Wind schon nachzulassen begann, genau in dem Moment als Erwin den Eimer über Bord schütten wollte, krachte es neben ihm. Erwin fuhr mit dem Kopf herum, mit einem Schlag war seine Seekrankheit vor. Natürlich kannte er das Geräusch brechenden Holzes. Der Rudergänger fluchte. Er hielt den oberen Teil des Ruders in der Hand. Das Schiff begann zu schlingern. Der Kapitän stürzte an Deck an warf Worte aus, für die Erwins Mutter ihm früher den Mund mit Seife ausgewaschen hatte. Erwin sprach kurz mit beiden, stürzte die Treppe herunter und kam mit seiner Holzkiste zurück an Deck. Unter den größer werdenden Augen des Kapitän und dem sich stets weiter öffnenden Mund des Rudergängers hämmerte er Nuten in die beiden Teile des Steuerrads, verband sie mit einem stabilen Hanfseil und zog die beiden Enden fest. Beide Männer zogen am Seil und hielten das Rad fest, bis das Seil so stabil saß als sei das Holz nie gebrochen. Schon konnte der Rudergänger das Schiff wieder in den Wind drehen. Und Erwin hatte sich eine Extra Ration einer Flasche Wein verdient, der dort herkam, wo er hinreisen wollte.
Vertrautes Handwerk im fremden Land
Wenige Tage später kam Erwin an der Küste des fremden Landes an. Als er an Land ging war es ungewohnt wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Schon dachten die Männer aus dem fremden Land Erwin habe zu viel Wein während der Schiffsreise getrunken. Sie boten ihm ein paar weitere Gläser an. Der Wein duftete verlockend. Erwin nahm ein Glas und lernte, dass man hier etwas dazu sagen sollte. Er trank auf die Ankunft in dem neuen Land. So kam er mit den Männern ins Gespräch, auch wenn er die Sprache nicht verstand, so fremd war sie. Aber er beherrschte die Sprache der Hände, die Sprache der Gesten und des Gesichts. So schnappte er ein paar Worte auf. Und schon nach dem dritten Glas konnte er radebrechen. Vielleicht war es auch der Wein, der ihm den Weg in die Magie der neuen Sprache erleichterte. Er konnte beschreiben, was ihm auf dem Herzen lag. Als die anderen Männer hörten, dass er mit Holz arbeiten konnte, gaben sie ihm den Namen eines Mannes in der Hauptstadt des Landes, der gerade ein Haus aus Holz in der Innenstadt errichtete und eine helfende Hand gebrauchen konnte.
So kam es, dass Erwin sein Bündel hinten auf einem Pferdewagen ablegte und sich auf den Weg weiter nach Osten machte. Hatte er die Berge bislang aus der Ferne gesehen, so fuhr er nun auf dem Wagen am Fuß der großen Berge entlang. Er querte Flüsse, die wenig Wasser führten, aber die dicken Felsbrocken in ihrem Bett zeigten, dass sie im Frühjahr offenbar eine Unmenge an Kraft hatte, wenn der Schnee in den Bergen schmolz. Danach stieg die Straße an, sie fuhren ein Flusstal hinauf, querten bei Eisregen einen Pass und rollten auf der anderen Seite herunter. Nach ein paar Tagen hatte Erwin sein Ziel erreicht.
Das neue Haus des Mannes, zu dem sie ihn geschickt hatten, was fast fertig. Genau der richtige Zeitpunkt für Erwin, denn so konnte er seine Künste mit Axt, Säge und Hammer zeigen, als sie dem Haus den Dachstuhl aufsetzten. Als sich der Sommer näherte und die Stadt zu glühen anfing, als Erwin schon vor dem Mittag in eigenen Schweiß badete, setzte Erwin den letzten Schlag auf einen Nagel aus Holz und beendete die Arbeit am Dachstuhl. Schon wollte er sein Bündel schnüren und nach einer anderen Arbeit suchen, da gab ihm der Besitzer des Hauses nach dem dritten Glas Wein einen Namen. Er hatte einen Verwandten, der wohnte in einem Dorf in den Bergen, eigentlich nicht weit weg von der Hauptstadt, aber in den hohen Bergen fiel im Winter immer sehr viel Schnee und deswegen war die Straße oftmals gesperrt und erst jetzt wieder komplett offen. Außerdem, so sagte der Hausbesitzer, sei dies eine Gegend im dem Land, im der die Hirten schon vor vielen Jahren angefangen hatten, Fleisch in Teigtaschen zu füllen und diese in Wasser zu kochen. Als Erwin dies hörte, flammte Neugier und Ungeduld in ihm auf. Er konnte den Abend in der heißen Stadt und den Sonnenaufgang kaum abwarten, so brannte das Feuer des Wissensdurstes in ihm.
Eine lange Reise durch den Kaukasus
Früh am nächsten Morgen schnürte Erwin sein Bündel zusammen und stieg zusammen mit der Sonne aus dem Bett. Gegen Mittag hatte er die Stadt verlassen und hatte die Sonne im Rücken, die Berge vor sich. Es gab nur eine Straße, der er folgen konnte, denn in diesem Land gab es viele Berge. Mittlerweile hatte er die neue Sprache soweit im Griff, dass er selbst nach dem Weg fragen konnte. Einige Male musste er sich bei den gastfreundlichen Leuten unbeliebt machen, denn er schlug Einladungen zum Essen und trinken aus. Er versprach, dass er in ein paar Wochen zurück kommen würde und dann würde er ihnen berichten, welche wundervollen Erfahrungen er gemacht hätte. Links von dem Fluss, dem er folgte, thronte ein Kloster über dem Tal und über der Stadt, von der ein Bauer ihm kurz zuvor erzählt hatte, dass es die frühere Hauptstadt gewesen sei. Auf einer kleinen Anhöhe schlug er sein Nachtlager auf. Der nächste Tag brachte ihm den Einstieg in die Berge. In diesem Tal gab es Bauern, einige von ihnen hatten Weinreben auf ihren Feldern, er kostete von den vollen und süßen Trauben. Einen Tag weiter auf der sandigen Straße gab es eine Kreuzung in einem Dorf, oberhalb sah er eine Festung mit einer Kirche, die das gesamte Tal beherrschte. Er fragte nach dem Weg, als er eine Frau sah, die gerade einen Teig auswalzte. War er schon am Ziel? Er fragte sie nach dem Weg, er redete mit Händen und Füßen, sie sagte ihm dass er den kleinen Weg in das andere Tal nehmen sollte, dort würden sie dieses leckere Gericht noch ganz anders machen, denn dort komme es her. So machte sich Erwin auf den durch das kleinere Tal. Er paar Dörfer noch lagen am Rand seines Weges, er kaufte sich von dem Geld, dass er in der Hauptstadt verdient hatte, Brot und Käse und geräucherte Wurst. An Wasser mangelte es Erwin nicht, denn er hatte die ganze Zeit den Fluss neben sich und konnte sich stets die Trinkflasche füllen. Dörfer gab es jetzt kaum noch, nur einzelne Bauernhöfe lagen am Weg. Die Straße machte einen Knick, das Tal wurde enger, der Fluss schmaler. Nun war Erwin für Stunden alleine auf der Straße, während die Bäume neben ihm immer kleiner wurden, denn es ging mit jedem Schritt ein wenig nach oben. Da sah Erwin den ersten Turm aus Stein, der so aussah, als stehe er dort schon seit Hunderten von Jahren. Schließlich musste Erwin seinen dicken Wams anziehen, als der Weg den Berg weiter hinauf ging. Und so kam er zu dem Pass, an dem nicht anhielt, denn hier blies ihm ein schneidender, kalter Wind entgegen.
Nun ging es bergab. Hier gab es kein großes Dorf mehr und nur wenige Bauern, die hier ein kärgliches Dasein fristeten. Dafür wurde Erwins Schritt nun leichter, denn die Straße führte den Berg hinab. Es regnete, Erwin musste sich durch Schlamm kämpfen, aber in seiner Nase fühlte er schon den Geruch von Fleisch und Zwiebeln und Weizen und Teig. So trieb es ihn weiter über Serpentinen, an Hängen aus Fels und einem Wasserfall vorbei. Nun folgte er wieder einem Fluss, der nun in der gleichen Richtung floss wie er selber ging. Ein Schafhirte am Wegesrand erzählte ihm ein wenig über das Dorf, welches sein Ziel war. Erwin schlug sein Nachtlager auf. Am nächsten Tag brach er wie gewohnt in aller Herrgottsfrühe auf, nahm ein Bad im Fluss und folgte dessen Lauf. In der Ferne über sich sah er eine kleine Burg, die wehrhaft und beständig aussah und auf der er Ritter zu sehen glaubte. Fluss und die sandige Straße machten eine Kurve. Da sah er eine Wand aus Stein, die merkwürdig aussah, als sei sie von einer magischen Hand geschaffen. Doch es war keine Felswand. Es waren wehrhafte Häuser aus Stein, die von den Bewohnern dieses Dorfs in den Jahrhunderten mit ihren Händen aufgebaut worden waren, mit Türmen in diesen Mauern, wie er sie einzeln schon einige Male auf diesem Weg gesichtet hatte. Erwin war am Ziel.
Erwin kommt ins Dorf
Das hier war also das Ziel, das Erwin seit Wochen, seit Monaten verfolgt hatte. Er sah sich um. Dieses Dorf lag im Tal, die steinernen Häuser zogen sich den Hang hinauf, sie sahen aus wie kleine Ritterburgen, mit stabilen Mauern, die nicht nur dem Wetter trotzen konnten, sondern auch angreifenden Horden von Rittern. Auf der anderen Seite des Tales sah Erwin zwei junge Männer mit blanken Oberkörpern, die gerade eine kleine Herde schwarz-weißer Kühe den Berg hinab ins Tal geleiteten, vielleicht in den Stall. Wo sollte er anfangen? Dies war keines der Dörfer, die er in den letzten Jahren kennen gelernt hatte, weder in seinem Heimatland noch in diesem neuen, fremden Land. Er fasste sich ein Herz, ging den Hang hinauf und stieg zwischen den steinernen Häusern empor. Ein paar Kinder hielten auf dem kleinen Platz vor einem Haus inne und beobachteten den Fremden, als sei er gerade von Himmel herab gestiegen.
Erwin passierte eine Treppe und sah sich um. Er blickte nach oben. Eine Frau war gerade dabei frisch gewaschene Wäsche über eine Leine an einem dieser steinernen Häuser zu hängen. Er legte den Kopf in den Nacken.
„Maspindselo?“ rief er.
Die Frau hielt augenblicklich in ihrer Arbeit inne. Sie blickte nach unten. Sah den Mann vor dem Haus an. Dann verschwand sie. Erwin wollte sich schon abwenden, da sah er einen Mann mit dunklem Bart auf dem Balkon auftauchen, hinter ihm die Frau, die mit dem Finger auf ihn zeigte. Der Mann sah ihn an. Rief dann etwas.
So kam es, dass Erwin von dieser Familie ins Haus gelassen wurde. Mittlerweile konnte er die Sprache dieses Landes gut genug, dass er ihnen erklären konnte, wie er mit Holz arbeitete und dass er auf Wanderschaft war. Sie luden ihn zu einem Glas Wein ein. Der Mann verließ das Haus, während seine Frau Erwin ein Brot mit frisch eingebackenem Käse von den Kühen auf der anderen Seite des Tales gab. Zwei Männer kamen zurück. Ein Krug mit Wein kam auf den Tisch. Sie gingen zum Wehrturm des anderen Mannes. Erwin sah sich darin um, mit den Augen des Schreiners, der jung aber bereits erfahren in seinem Beruf war. Mit der fachkundigen Hand fuhr Erwin über die Balken und die Bretter in der Decke und sah sich die Treppe, mehr eine Leiter, an. Bevor die Sonne unterging, war der Krug mit dem Wein leer. Und Erwin hatte einen Auftrag für diesen Turm.
Schwitzen bis der Schnee kommt
Der Sommer schritt voran und Erwin kam ordentlich ins Schwitzen. Nicht nur wegen der Hitze den Tag über in diesem Tal. Vor allem weil er seine Muskeln einsetzen musste. Der Wehrturm hatte schon ein paar Jahrhunderte hinter sich und seine Erbauer wussten was sie da taten. Die gealterten Holzbalken steckten so fest in den Mauern als seien sie schon seit ewigen Zeiten dort verankert. Erwin und Lascha, dessen Familie dieser Turm seit Hunderten Jahren gehörte, hatten alle Hände voll zu tun, den alten Balken aus der Mauern zu bekommen. Erst als dieser unten auf dem Boden lag, konnte Erwin sich auf die Suche nach einem neuen Stück Holz machen. Er fand einen Baum im Wald ein Stück weiter zur Festung oberhalb des Dorfs hinauf. Mit einer ganzen Gruppe von Männern brachten sie den Stamm zu Fall und zogen ihn ins Dorf. Erwin brauchte mehrere Tage, um ihn mit der Axt passend zu bearbeiten. Lascha und er nahmen ein paar Steine aus der Mauer und setzten den neuen Balken ein. Das Knarren der Bodens aus der Etage darüber war für die nächsten Hundert Jahre vorbei.
Und so arbeitete sich Erwin Stockwerk für Stockwerk nach oben. Er wechselte die Holzböden aus, baute neue Leitern ein, brachte die uralten aber stabilen Möbel auf Vordermann. Als er oben auf dem Dach angekommen war, sah er einen Sonnenstrahl. Lascha setzte sich neben ihn. Es war einer der letzten Sonnenstrahlen des Jahres. Nun würde der Winter kommen und für Monate hätten sie kein Licht mehr, erklärte ihm Lascha. Eine Wolke schob sich zwischen die beiden Männer und die Sonne. Sie erhoben sich, es galt noch ein paar Arbeiten im Turm zu erledigen. Als Erwin später aus dem Turm stieg, berührte etwas kaltes, weiches, weißes seine Nase. Die Wolke hatte Kinder bekommen. Der erste Schneefall des frühen Winters setzte ein.
Eigentlich wollte Erwin zurück in die Hauptstadt. Doch als er am nächsten Morgen die Fensterläden im Haus seiner Gastgeber öffnete sah er weiß. Viel weiß. Über Nacht hatte es Neuschnee gegeben, der liegen geblieben war, denn zugleich war es knackig kalt geworden. Erwin ging vor die Tür und sackte bis zu den Knien in die Schneedecke ein. Er ging ein paar Schritte. Obwohl es saukalt war, kam er ins Schwitzen. Lascha blieb in der Tür stehen und erzählte Erwin, dass auf dem Pass nun bestimmt so viel Schnee lag, dass ein erwachsener Mann darin verschwinden würde. Erwin ging zurück ins Haus. Was sollte er machen? Nino, Laschas Tochter, erzählte ihm, dass sie nun über Monate hinweg von den anderen Dörfern und von der Stadt abgeschnitten sei. In ihren Augen sah er die Sorge um ihn, und da fasste er sich ein Herz und versprach ihr, bei ihnen zu bleiben, wenn Lascha das gestatten sollte.
In der Küche lernt Erwin die Teigtaschen kennen
Und Lascha war froh, dass er nun eine tatkräftige Hand an seiner Seite hatte. Als der Schnee sich etwas gesetzt hatte, räumten sie die Brücke über den kleinen Fluss frei, schulterten die Äxte und gingen auf der anderen Seite des Tales den verschneiten Weg über den Berg hoch. Erwin fällte ein paar kleinere Bäume, die sich über den Schnee besser ins Tal ziehen konnten als im Sommer. So vergingen die Tage, die nun schattiger und kälter wurden, aber dank der helfenden Hände hatten sie immer genügend Holz, um das Feuer in der Küche nicht ausgehen zu lassen.
So fanden sich alle Hände der Familie und des Gastes oft in der Küche ein. Nino setzte einen großen Topf mit Wasser auf das Feuer und rollte einen Teig auf dem Holztisch aus, den sie extra mit Mehl bestäubt hatte. Dann nahm sie ein Glas und stanzte kleine Stücke aus dem Teigfladen aus. Erwin stand neugierig neben ihr. Lascha brachte ein Stück Fleisch, Erwin nahm ein Messer und machte kleine Stücke aus dem großen, ganz kleine Stücke. Nino nahm das Hackfleisch in der Holzschüssel mit einem Lächeln entgegen, dass Erwin das Herz höher schlagen ließ. Sie tat Zwiebeln, getrocknete Kräuter und etwas Salz hinein. Mit einem runden Holz rollte sie die kleinen Teigstücke platt, nahm einen Löffel und platzierte eine kleine Portion Fleisch in die Mitte. Erstaunt sah Erwin zu, wie Nino das Stück Teig am Rand zwischen die Finger beider Hände nahm und mit kunstvollen, schnellen Bewegungen einmal rundum so faltete, dass eine runde Teigtasche entstand, die oben einen kleinen Zipfel hatte. Sie nahm die Teigtasche vorsichtig in die Hand und hielt sie vor Erwins Augen. „Chinkali“, hauchte sie ihm entgegen.
Nun war Erwin neugierig geworden. Er versuchte sich selber an den Teigtaschen, rollte den Teig zu einem Stück aus, platzierte etwas Fleischfüllung in die Mitte und versuchte die Faltung. Nino kicherte, als sie das Ergebnis sah. Doch Erwin ließ sich nicht entmutigen. Ein zweites Mal faltete er den runden Rand und versuchte ihn nach oben zu biegen. Es passte nicht ganz. Nino gab ihm eine dritte Chance, führte sanft seine rechte Hand an den Teig. Er machte ohne ihre Hilfe weiter. Und dieses Mal schloss die Chinkali oben ab. Als Lascha in die Küche kam, um Feuerholz nachzulegen, sah er überrascht zu, das seine Tochter mit verschränkten Händen und einem Lächeln im Gesicht am Küchentisch stand. Neben ihr war Erwin mit seiner vierten Chinkali beschäftigt. Als er den Knubbel am oberen Rand formte, sah dieses so aus, als habe er sein Leben lang nichts anderes geformt. Lascha fiel das Holz aus der Hand. Nino hatte frei. Und Erwin wusste nun, wie er den Winter im Dorf verbringen konnte.
Erneut war Erwins Neugierde geweckt. Nicht nur dass er von Nino lernte, wie man die perfekten Chinkali macht und wie man sie isst, ohne dass man sich am heißen Fleischsaft die Finger verbrennt oder sich der Saft über den Wams ergießt. Er stellte sich auch die Frage: Was, wenn man etwas anderes als Fleisch in den Teig füllt? Zuerst nahm er Bohnen, die er im Keller fand. Dann mischte er Kräuter und Gemüse in den Teig. Schließlich nahm er Käse, der sanft vor sich hin schmolz, als der Teig im kochenden Wasser garte. Und so kreierte Erwin neue Gerichte, doch am Liebsten wollten sie seine Chinkali mit Fleischfüllung genießen.
Dann kam der Tag, als der Schnee überhand nahm. Nino riss die Fensterläden zu und verhinderte dass der Schneesturm zu ihnen ins Haus kam. Erwin schürte das Feuer. Er warf einen Blick auf den Stapel Feuerholz, mit dem sie über den Tag und die Nacht kommen mussten, vielleicht auch noch länger, wenn es erst einmal so richtig dick Schnee draußen geben sollte. Er hatte den Teig ausgewalzt und das Wasser begann gerade zu singen, kurz bevor es kochen würde. Wahrscheinlich ging das Feuer aus, bevor er mit den Chinkali fertig würde. Er überlegte kurz, als Nino in die Küche gelaufen kam, außer Atem vom Treppen steigen und Fenster schließen. Sie machte ein ungläubiges Gesicht, als er ihr mit Händen und Fingern seinen Plan erzählte. Doch sie wusste, dass er gute Ideen hatte. Und so rollte er den Teig zu einem Rechteck aus, stanzte keine kleinen Stücke aus, sondern legte zwei Bahnen von Fleischfüllung längs auf den Teig. Mit einem Messer schnitt er den Teig mitten zwischen den beiden Bahnen der Fleischfüllung durch, klappte ein Stück Teig von der entfernten und von der nahen Seite des Tischs zusammen. Mit dem Nudelholz drückte er in Handbreite in den Teig, dann schnitt er an der Stelle den Teig durch. So hatte er rechteckige Teigtaschen vor sich. Als das Wasser kochte, gab er sie ins Wasser und kochte sie wie die Chinkali, bis sie oben schwammen. Lascha kam in die Küche, Schnee auf der Pelzmütze. Er sah in den Topf, stutzte über die ungewohnte Form dieser Teigtaschen, für die sie keinen Namen hatten. Doch weil er wusste, dass ungewohnte Dinge in den Händen von Erwin leckere Dinge wurden, wartete er gespannt auf das Ergebnis.
Und als sie alle satt und fertig und müde waren, fragte Lascha Nino und Erwin, ob sie nicht die Freunde aus dem Dorf versammeln sollten, die neue Erfindung zu feiern. Vielleicht würden sie auch einen Namen für die neuen Teigtaschen finden.
Erneut gingen Wochen ins Land, der Winter blieb, der Schnee blieb und die Kälte, aber die Tage wurden heller. Manchmal ging Erwin in den Turm und kletterte gegen Mittag auf das Dach, nicht nur um zu sehen ob seine Arbeit aus dem Herbst in Ordnung war, sondern vor allem um die Sonne Tag für Tag ein wenig näher kommen zu sehen. An dem Bergen neben dem Dorf konnte er, wenn keine Wolken den Blick verhängten, den Stand der Sonne zur Mittagszeit sehen. Jeden Tag erschien das Licht der Sonne ein Stück weiter nach unten zu gehen.
Dann kam der Tag, als Erwin mit Nino in der Küche stand. Seit Tagen hatten Wolken die Sicht und das Licht getrübt, doch nun war klarer Himmel und plötzlich erhellte nicht mehr das flackernde Licht der Fackel die Küche, sondern ein Lichtstrahl fingerte über den Tisch, gerade in dem Moment als Erwin eine Chinkali zu einer runden Form zusammen faltete. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er faltete gerade eine Sonne! Das Leben würde in ein paar Tagen neu ausbrechen, der Frühling in das Dorf einziehen, und diese Teigtaschen aus diesem Land waren ein Zeichen der Anerkennung, der Sehnsucht für den Stern, der ihnen allen das Leben schenkte.
Der Schnee schmilzt und das Reisefieber erwacht
Und so kam der Tag, als der erste Händler aus der Hauptstadt ins Dorf kam und Ware mitbrachte. Ach, was freuten sich die Menschen im Dorf, dass sie nun die Früchte ihres Ackers tauschen konnten, denn der Winter hatte Löcher in manche Stiefel und manchen warmen Mantel gerissen. Erwin schnürte sein Bündel und machte sich auf den Weg, um mit dem Händler in die Hauptstadt zu fahren. Waren die bisherigen Stationen seiner Wanderschaft stets mit schnellen Abschieden verbunden, so blutete ihm nun das Herz, als er Nino zum letzten Mal in die wunderschönen braunen Augen sah und Lascha umarmte. Er wagte es kaum mit dem Händler zu reden, als er mit winkenden Händen aus dem Dorf heraus fuhr, denn Tränen flossen über seine Wangen. Aber es trieb ihn nach Hause.
Hatte er zuvor mehrere Tage von Hauptstadt bis in das Dorf gebraucht, so ging es auf dem Wagen nun erheblich schneller. Wieder in der Stadt arbeitete Erwin bei einem Wagenbauer, bis er genügend Geld für die weitere Reise zusammen hatte. Auf einem Wagen reiste er durch das Land, kam an die Küsten des dunklen Meeres und traf den gleichen Kapitän wie auf der Hinfahrt. Das Schiff hatte zwar nun ein neues Steuerrad, aber der erste Mann des Schiffes war trotzdem froh, einen Schreiner wie Erwin an Bord zu haben. Diesmal gab es keinen größeren Sturm.
An der anderen Seite des dunklen Meeres suchte Erwin einen Wagenbauer und machte mit ihm einen Handel. Tage und Tage arbeitete er nun bei diesem Wagenbauer, dann setzte er sich neben einen Freund des Wagenbauers auf den Kutschbock und machte sich so auf den Weg zu den Bergen. Zu Fuß schritt er über den Pass, folgte dem Fluss, der ihn zuvor in den anderen Richtung begleitet hatte, und stieg über die kleineren Berge. Als er von einem Berg herunter schritt, tat er einen tiefen Zug durch die Nase. Es roch nach Wald. Es roch nach Frühling. Es roch nach Heimat. Er sah das Dorf seiner Kindheit untem im Tal auftauchen. Aber was würde ihn dort erwarten? Hatte er noch eine Familie? Waren Vater und Mutter noch am Leben? Gab es den Hof noch oder hatte er böse König vielleicht das ganze Gehöft in Flammen aufgehen lassen? Eine starke Unruhe kam über Erwin. Nun hatte er es eilig.
Erwin kommt nach Hause
Vorsichtig stieg Erwin den Weg durch den Wald hinunter zum Dorf, denn er hatte ein paar Souvenirs in seinem Bündel, die das Reisen schwerer machten als bei der Abreise. Nichts davon wollte er verlieren. Also zügelte er mühsam seine Ungeduld und stieg über die Baumwurzeln. Weiter unten im Tal endete der Wald. Erwin kam am Feld des Bauern Häberle vorbei, es war Frühjahr und der Sommerweizen stand im vollen Saft. Sanft glitt Erwin mit der Hand über die Ähren, die noch grün und klein waren und in denen sich die Körner für den Weizen bilden würden. Schließlich kam er zu den ersten Häusern des Dorfes. Er grüßte eine ältere Frau, die ihn für einen Fremden hielt. Ihr Mann kam aus der Tür des kärglichen Hauses und murmelte einen Namen.
Auf der anderen Seite gelangte Erwin schließlich zum Hof der Familie. Er atmete durch, er hatte viele, viele Kilometer zu Fuß zurückgelegt, aber nun hatte er zum ersten Mal weiche Knie. Es war Zeit für das Mittagessen. Niemand war auf dem Hof zu sehen. Ein paar Äxte lagen herum, ein Baumstamm wartete darauf zu einem Balken zugeschnitten zu werden. Erwin strich mit der Rechten über das Holz. Ein Mann kam aus der Tür des Hauses, porkelte etwas aus seinen Zähnen. Er sah satt aus, zugleich besorgt. Sein Blick ging nach innen, als er aus der Tür schritt, auf den Balken zu. Dieser Mann hatte graue Haare. Erwin erkannte ihn nicht gleich, denn als er den Hof verlassen hatte, war dieser Mann noch dunkelhaarig.
„Vater!“ rief er dem grauhaarigen Mann zu.
Der Mann stoppte, als stünden die Büttel des Königs vor ihm. Für einen Moment flammte Angst in seinen Augen auf, schon wollte er die Axt greifen, um den Eindringling zu vertreiben oder ihm den Schädel zu spalten. Doch dann sah er, dass es sich um einen Schreiner auf der Walz handeln musste. Und erst als er näher kam, um mit dem Kollegen zu reden, merkte er, wen er da vor sich hatte.
Als Kind hatte Erwin die Werkstatt seiner Eltern verlassen. Als Mann kehrte er nun zurück.
„Bist du…“ zögerte der Vater, „bist du es… Erwin?“
„Ich bin es, Vater!“ antwortete der Sohn und plötzlich schossen ihm Tränen in die Augen, Tränen der Freude, dass er seinen Vater wiedersah.
Und so nahm der Vater seinen Sohn in die Arme. Wo waren die Jahre geblieben? Der Vater löste sich von seinem Sohn, hielt ihn mit ausgestreckten Armen vor sich, konnte es kaum fassen, dass sein eigen Fleisch und Blut nun wieder vor ihm stand. Er wandte sich um, rief ins Haus hinein, dass sie alle heraus kommen sollten.
Und so kam Erwin zurück nach Hause. Seine Mutter brach fast ohnmächtig zusammen, als sie den hübschen und starken jungen Mann erkannte, der dort in schwarzer Hose, Wams und mit schwarzem Hut vor ihr stand, ein paar dicke Bündel an der Seite.
Der verloren geglaubte Sohn kommt nach Hause
Vieles hatte Erwin auf dieser Reise gelernt, auf der er vom Jungen zum Mann gereift war. Nicht nur dass er wusste, wie man ein Boot, einen Wagen oder ein Haus baut. Auch wie man neues Leben in die Welt setzt hatte er gelernt. Doch bevor er zeigen konnte, was nun in seinen Händen steckte, zeigte er seiner Familie, was in seinem Bündel steckte. Und dies war nicht nur schmutzige Wäsche. Nein, er hatte auch aus diesem Land mit den hohen Bergen Dinge mitgebracht, die er seinen Eltern zeigen wollte.
Da war ein Horn, das einmal einen stolzen Stier geschmückt hatte. Nur war dieser Stier nicht mehr am Leben, dafür hatte sein Fleisch viele Menschen glücklich gemacht. Und eines seiner beiden Hörner hatte Erwin zum ersten Mal gesehen, als jemand daraus Wein trank. Es war dieser Abend, als diese beiden Männer Brüder wurden, denn sie tranken beide aus den gleichen Horn, genau jenes, das Erwin nun auf den Tisch seiner Eltern legte und dessen Geschichte er mit Sehnsucht in der Stimme erzählte.
Aber da war noch etwas Anderes in diesem Bündel. Erwin, der gerne mit Holz arbeitete, hatte etwas zum Arbeiten aus Holz mitgebracht. Es war rund, hatte kleine Griffe an den Seiten und man konnte damit ein großes Stück Teig hin und her so ausrollen, dass es zu einem schönen Fladen wurde. Und weil der Tag schon fortgeschritten war und weil Erwins Eltern fleißig gearbeitet hatten und weil mehrere Nachbarn den verloren geglaubten Sohn der Familie wiedersehen wollten, machte dieser ihnen einen Vorschlag: er wollte ihnen zeigen, was man mit dem Weizen vom Bauern Häberle und einem schönen Stück Fleisch anstellen konnte.
Wie die Maultasche zu ihrem Namen kam
So begab es sich, dass Erwin die gefüllten Teigtaschen aus Georgien ins Schwabenland brachte. Nur hatten diese noch keinen Namen. An einem Tag, es war die Zeit vor Ostern, kam sogar der Pfarrer zu Erwin, denn er hatte eine Idee. Wenn man Fleisch in die Nudeln packe, dann sehe Gott dieses doch nicht. Also hätte man ein Gottes Bescheisserle, wie der Pfarrer etwas deftig formulierte. Vor allem nachdem er mehr als eine Handvoll dieser Teigtaschen in seinen nicht gerade durch das Fasten geformten Leib eingefüllt hatte. Es war zudem nicht der Name, den Erwin für das, was er geschaffen hatte, gerne sehen wollte.
Und schließlich begab es sich, dass Erwin eine kleine Truhe gebaut hatte und diese an den Kunden liefern wollte. Es war der Bauer Häberle, einst verfeindet mit Erwins Eltern, nach ein paar schlechten Ernten und einer durchzechten Nacht in der Schänke des Dorfes allerdings etwas mehr Freund, vor allem nach der Reparatur des Daches im Austausch gegen ein Huhn. Auch der Bauer Häberle hatte eine Frau und beide zusammen hatten nicht nur einen strammen Sohn, den Erwin seit der Schule kannte. Als er zuletzt auf dem Hof des Bauern Häberle war, fütterte Anna gerade die Hühner, die Tochter des Bauern. Ein kleines Mädchen mit braunen Haaren, versunken in das Gespräch mit den Tieren. So war Erwin über alle Maßen erstaunt, als er an der Tür des Hofes klopfte und er plötzlich in ein Paar wunderschöner rehbrauner Augen sah. Auch Anna war erstaunt, denn sie hatte den alten Herrn des Schreiners erwartet.
Nach einer kurzen Begrüßung lieferte er die Truhe im Flur des Hofes ab. Erwin, der sonst immer flott mit den Worten war, bekam kaum etwas an Worten heraus, als Anna über das frisch polierte Holz strich. Als sie aufstand, gab sie ihm ein Lächeln, dass ihn endgültig zum Schweigen brachte. So war sie es auch, die ihn fragte, was er aus dem Land in den Bergen mitgebracht hatte. Da sprudelte es aus ihm heraus, und als er mit einem versonnen Lächeln vom Hof ging, hatte er einen Plan, eine Verabredung.
Anna hatte ein paar Tage später frischen Weizen gemahlen und etwas vom Schwein sowie Gemüse geholt, ganz so wie Erwin es ihr gesagt hatte. An einem sonnigen Nachmittag kam er mit dem Nudelholz und begann mit Anna den Teig zu kneten. Das alles kannte sie schon. Doch dann begann Erwin mit dem Nudelholz den Teig auszurollen. Er fragte Anna, ob sie es auch versuchen wollte, führte ihr sanft die Hand, bis zu dem Moment, als sie ihr Gesicht langsam zu ihm umwandte, als sich ihre Blicke trafen und ihre Münder eins wurden…
Als sie später fertig waren, kicherte Anna, denn immer wieder fielen ihr kleine Stücke von Gemüse aus der Fleischfüllung heraus, und Erwin war ihr weit voraus in diesen Dingen mit seinen Händen. Dabei war er doch gar nicht in der Küche groß geworden.
„Mein Vater hat mir immer eins auf den Mund verpasst, wenn ich das in der Küche versucht habe“, erzählte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Eine Maultasche?“ entgegnete Anna und strich ihm sanft über die Wange.
„Ja, eine Maultasche“, kicherte er zurück. Und wurde plötzlich ernst, denn in diesem Moment war ihnen beiden klar: Dies war ein großer Moment.
Denn an diesem Tag hatte die Maultasche ihren Namen bekommen.