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Thomas Berscheid 6 Min.

Gebt dem Film den richtigen Namen und führt uns nicht in die Irre

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kritik richtet sich gegen irreführende deutsche Filmtitel, die oft völlig andere Assoziationen wecken als der Originaltitel. Besonders deutlich wird das am Beispiel The Door in the Floor, das im Deutschen zu Die Tür der Versuchung wurde – ein Titel, der den ernsten, traumatischen Kern der Geschichte verfehlt und eher nach seichtem Erotikfilm klingt. Der Originaltitel hingegen verweist direkt auf ein zentrales Motiv des Romans Witwe für ein Jahr von John Irving, aus dem der Film hervorgeht.
  • Der Text betont, wie stark ein Titel die Erwartungshaltung prägt. Beim Film Boy A wirkt der Name zunächst nichtssagend, doch im Kontext des zugrunde liegenden wahren Kriminalfalls – zwei Kinder töten ein Kleinkind und werden anonymisiert als „Kind A“ und „Kind B“ geführt – entfaltet der Titel seine volle Bedeutung. Er verweist präzise auf Identität, Schuld und gesellschaftliche Reaktionen, ohne Effekthascherei.
  • Auch humorvolle Beispiele wie die deutschen Titel der Louis‑de‑Funès‑Filme zeigen, wie Marketing früher versuchte, Komödien durch alberne, reißerische Namen zu verkaufen. Titel wie Scharfe Kurven für Madame oder Louis, der Spaghettikoch verdrängen den Charme und Witz der Originaltitel und wirken rückblickend eher peinlich als verkaufsfördernd.
  • Positiv hebt der Text moderne Beispiele wie The Whale hervor, bei dem der Originaltitel beibehalten wurde und thematisch perfekt passt. Der Film zeigt einen schwer adipösen Mann, dessen Lebensgeschichte eng mit dem Motiv des „Wals“ verknüpft ist – sowohl körperlich als auch literarisch über Moby Dick.
  • Insgesamt zeigt der Beitrag, dass Filmtitel heute häufiger respektvoll und inhaltlich passend übernommen werden. Während früher Marketingabteilungen oft am Publikum vorbeidachten, vermitteln heutige Titel meist klarer, worum es geht – und führen die Zuschauer nicht mehr so leicht in die Irre.

The Door in the Floor – Die Tür der Versuchung

Vor ein paar Jahren schlage ich die Fernsehzeitschrift (ja, so richtig aus Papier!) auf und sehe den Titel eines Films: Die Tür der Versuchung. Hui, denkt man sich da, ein billiger Erotikfilm aus den 1970er Jahren, so eine billige Kiste. Immerhin mit Jeff Bridges und Kim Basinger in der Besetzung. Könnte nett sein, aber bei dem Titel… Dann fällt mein Blick auf den englischen Originaltitel: The door in the floor.

Innerhalb einer Sekunde wusste ich, worum es ging.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich mein erstes Buch von John Irving gelesen: Witwe für ein Jahr. Wie bei John Irving üblich, ein dünnes Buch mit etwas mehr als 600 Seiten. Die Geschichte einer Frau, die im Alter von 4 Jahren verlassen wird. Das Buch zerfällt in drei Teile. Der erste Teil dreht sich um eine traumatisierte Familie, denn die Mutter Marion hat sich niemals von dem Schock erholt, als ihre beiden pubertierenden Söhne vor ihnen sitzend bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Jeff Bridges spielt den Schriftsteller als Vater einer kleinen Tochter in einer Ehe, die dem Untergang geweiht ist. Er schreibt für Kinder und hat eine Geschichte veröffentlicht, in der es um einen kleinen Jungen geht. Diese Geschichte heißt: The door in the floor. Und weil dieser Titel des öfteren vorkommt und das Grauen hinter der Tür eine wichtige Rolle spielt, ist mir dieser Titel in Erinnerung geblieben. Warum verdammt nochmal hat man dem Film nicht den originalen Titel gelassen? Man erkennt den Zusammenhang zum Besuch sofort!

Natürlich ist es nicht einfach, ein kleines Buch von John Irving in die 90 Minuten eines Films zu packen. Der Autor hat sich auf den ersten Teil des Buches beschränkt, und das ist auch gut so.

Basinger und Bridges liefern übrigens exzellentes Handwerk ab. Marion versteinert, als sie von ihrem jugendlichen Liebhaber auf ihre Söhne angesprochen wird. Das Leid, dass Basinger verkörpert… Eindrucksvoll. Am Ende erzählt Bridges vom Unfall. Es sind genau die Bilder, die ich selber beim ersten Lesen des Buches im Kopf hatte.

Boy A

Ebenfalls vor ein paar Jahren fiel mir in einer Fernsehzeitschrift (ja, die aus Papier) ein Film mit einem absolut blödsinnigen Namen auf. So mein erster Gedanke. Der Film heißt: Boy A. Wer lässt sich so etwas einfallen? Sekunden später las ich, worum es in dem Film geht. Und da wusste ich: Boy A ist der beste Titel, den man diesem Film geben konnte.

Grundlage des Films ist ein Roman. Es geht um einen jungen Mann, der nach der Verbüßung seiner Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen wird. Er hatte, selber noch ein Kind, mit einem Freund ein anderes Kind ermordet. Nun soll er resozialisiert werden.

Der Roman stellt keine Fiktion dar, denn er basiert auf einem wahren Kriminalfall. Im Februar 1993 entführten zwei 10-jährige Jungs einen fast 3 Jahre altem Jungen und brachten ihn mit roher Gewalt um. Sie wurden dabei von Überwachungskameras gefilmt, was recht schnell zu ihrer Festnahme führt. Der Fall ging durch die internationalen Medien. Ähnlich wie man heute gewalttätige Videos auf TikTok für ansteigende Gewalt bei jungen Menschen verantwortlich macht, gab es seinerzeit eine Diskussion um die Auswirkung gewalttätiger Filme auf Kinder und Jugendliche. Um Familien und die Jungen zu schützen, wurden ihre richtigen Namen nicht an die Öffentlichkeit gegeben. Sie hießen Kind A und Kind B, was dem Titel des Films entspricht und der Grund ist, warum dieser sehr gut passt. Ihre Identität kam trotzdem ans Licht und man kann sich ausmalen, wie es in sozialen Medien heute abgehen würde. Der Fall wirkt bis heute nach. Für mich persönlich einer der bedrückendsten Kriminalfälle aller Zeiten.

Louis de Funès: Muskatnuss, Herr Müller!

Nun ja, da gibt es noch die Filme mit Louis de Funès. Im deutschen Titel haben sie Balduin als Namen. Muss das sein? Am schlimmsten finde ich „Le grand Restaurant“: Was für ein schöner Titel, den es auch in der DDR gab! In der Bundesrepublik gab es dann 

  • Scharfe Kurven für Madame
  • Oscar hat die Hosen voll
  • Louis, der Spaghettikoch

Was für ein Blödsinn! Allein die Szene mit „Muskatnuss, Herr Müller!“ ist genial. Aber das Marketing hat es leider oft in früheren Jahren vermocht, mit einem nicht sehr denkfähigen Titel darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Komödie handelt. Was ist so schlimm an „Das große Restaurant“?

The Whale - Der Wal

Vor ein paar Stunden habe ich den Wal gesehen. „The Whale“ ist auch der deutsche Titel. Ein adipöser Mann, der gegen Ende seines Lebens selbiges aufräumen will. Am Ende liest ihm seine Tochter den Aufsatz über Moby Dick vor, den sie im Grundschulalter der Jungs aus South Park geschrieben hat. Er wälzt sich vom Sofa und steht auf. Dieser Titel passt einfach perfekt.

Mittlerweile scheinen sie beim Marketing mitbekommen zu haben, das es Leute gibt, die eine andere Sprache beherrschen. Manchmal ist das auch englisch. Star Wars ist seit Jahrzehnten eine sehr bekannte Marke. Gerade das Beispiel von „The Whale“ zeigt, dass es heute auch anders geht. Früher war eben nicht alles besser. Und so führen uns Namen von Filmen heute oft nicht mehr in die Irre, sodern sondern sagen uns in Bruchteilen von Sekunden, was wir da vor uns haben.

Louis de Funès bei Youtube