Leseprobe aus dem Roman Georgische Wurzeln von Thomas Berscheid
Auf dieser Seite stellen wir Ihnen einen Auszug aus dem Roman “Georgische Wurzeln” von Thomas Berscheid vor. Sie können einen Teil der Handlung lesen, als MP3-Datei hören oder als Video verfolgen.
Video und Audio: Jan findet ein Bild seines Großvaters
Jan findet ein Bild seines Großvaters
„Eigentlich nicht die feine Art“, sagte Jan zu sich, „in den persönlichen Sachen seiner eigenen Großmutter zu schnüffeln...“
Jan suchte weiter. Er fand ein Dokument, schon etwas vergilbt, auf Papier, das langsam auseinander ging. Lager Friedland. Die Ankunft von Elvira Kreuzer mit ihrer Tochter Renate. Flüchtlinge aus der DDR.
Jan blätterte weitere Bilder durch. Nahm ein weiteres Bild auf, das...
Dann erstarrte er.
Sein Atem setzte für ein paar Sekunden aus, als er das Bild sah. Das Bild zeigte eine Gruppe von Männern, die...
Er schloss die Augen. Hielt sich am Schreibtisch fest.
Nein, das konnte nicht die Wirklichkeit sein!
Er schlug die Mappe zu, ohne hinzusehen.
Wenn er die Augen aufmachte, dann war dieses Bild bestimmt nicht mehr da!
Er schlug die Mappe erneut auf, ohne hinzusehen. Machte die Augen zu, rieb sich über die Nasenwurzel, öffnete die Augen.
Das Bild war immer noch da.
Das Foto war schwarz-weiß. Fünf junge Männer, drei von ihnen mit ihren Instrumenten. Alle gekleidet in einer dunklen Tracht, mit Hülsen für Patronen vor der Brust, lange Stiefel an den Füßen. Und einer von ihnen war der Mann, der neben Elvira auf dem Foto stand.
Es war genau das Bild, das Sopiko ihm gezeigt hatte.
Mit zitternden Fingern nahm er das Bild in die Hand. Er sah es sich genau an. Es war das gleiche Bild, kein Zweifel! Jan drehte das Fotopapier um.
„Für Eli, Liebe meines Lebens“, stand dort.
Er warf das Bild auf den Schreibtisch. Dann suchte er hektisch weiter in der Mappe. Ein paar Unterlagen, Dokumente über die Zeit, bevor Elvira mit Renate über die Grenze in den Westen Deutschlands gekommen war.
Jan öffnete die zweite Kladde, die er gerade vom Speicher geholt hatte. Sein Blick fiel auf Notenblätter. Was um alles in der Welt wollte Elvira mit Noten? Sie hatte nie ein Instrument gespielt! Sie hatte ihm auch nie gesagt, dass sie etwas zum Üben für ihn hätte! Jan sah die Aufschrift. Kyrillisch. Also wahrscheinlich russische Noten. Er intonierte die Musik mit der Stimme. Ein Stück von Chopin. Er ging die Blätter weiter durch. Eine Sammlung in Deutsch. Endlich. Schubert. Jan stöberte weiter.
Dann stutzte er wieder. Er las den Titel des Stücks.
Diese Noten kannte er. Er hatte sie immer und immer wieder gespielt, auf dem Piano eine Treppe tiefer, ein paar Stunden zuvor.
„Sucht’ ich ach das Grab meiner Liebsten...“ begann der Text unter den Noten, und er passte perfekt auf die Melodie.
Er hatte Suliko in Deutsch in der Hand.