Video und Audio: Die Clickworker - Der Meister lernt die Clickworker kennen
Auf dieser Seite stellen wir Ihnen das moderne Märchen “Die Clickworker” von Thomas Berscheid vor. Sie können dieses Kapitel “Der Meister lernt die Clickworker kennen” als Text lesen, als MP3-Datei hören oder als Video verfolgen.
Clickworker: Der Meister lernt die Clickworker kennen
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Der Meister lernt die Clickworker kennen
So geschah es, dass der Mann in die Halle der Clickworker kam. Dort sah er eine ganze Armee von Menschen sitzen. Sie trugen T-Shirts, sie trugen Hoodies, manche zerrissen und manche starrend vor Schlamm und anderen Spuren des Drecks. Sie mochten im Alter irgendwo zwischen 20 und 99 sein, vielleicht sogar noch älter. Keiner von ihnen trug einen Anzug. Sie sahen wirklich aus wie die schlimmsten Inkarnationen von Zombies, die sich der Meister jemals in seinen bösesten Albträumen vorgestellt hatte.
Was sie alle einte: Sie saßen vor einem Bildschirm und machten immer die gleichen Bewegungen. Der Meister näherte sich einem der Schreibtische, der so alt aussah, das er unter dem Gewicht einer Vogelfeder zusammenzubrechen drohte. Darauf stand ein Bildschirm, eine Maus und eine Tastatur. Nicht mehr. Davor saß eine Frau, die mit der Maus auf einen Text klickte und einen Absatz kopierte. Sie starrte ohne Unterbrechung auf den Bildschirm. Mit der Maus ging sie in ein anderes Fenster. Sie speicherte den Text, schloss das Textelement und öffnete ein weiteres. Speicherte dieses auch ab. Dann kopiere sie wieder einen Text aus einer Datei und fügte den in ein neues Element. Und damit begann der Zyklus von vorne. Dabei stammelte sie Worte, die sich für den Meister wie ein „...fick dich, du blöde…“ anhörten.
Weiter ging der Meister. Ein Mann war gerade dabei, aus einer Textdatei einen kurzen Satz zu kopieren und in eine Eingabemaske einzufügen. Der Meister ging näher an den Bildschirm heran. Er sah, dass der Mann den Text in die Maske für einen Button einfügte. Dann nahm er sich die nächste Seite vor. Fügte den Text in einen anderen Button ein. Speicherte diese Seite ab. Öffnete die nächste Seite. Und so weiter. Der Mann murmelte unentwegt so etwas wie „...dann mach ich dich alle, die Drecksau…“
Der Meister ging noch näher an den Bildschirm heran. Er erschauderte. Das war das Backend der Webseite, die sie vor ein paar Wochen auf den neuesten Stand gebracht hatten.
Er stolperte zwei, drei Schritte zurück. Stieß wieder gegen den Zombie, gegen den er vor der Halle schon mal gestoßen war. Nur hatte er diesmal keine Angst mehr.
„Was macht ihr da?“ fragte er den Mann.
„Wir sind die Clickworker“, antwortete dieser mit seiner Grabesstimme. „Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, den Inhalt einzupflegen.“
„Aber…“ schüttelte der Meister zutiefst geschockt den Kopf. „Das ist doch vollkommen sinnlos.“
„Sinnlos?“ echote die Frau, die er draußen in der Gruppe getroffen hatte. „Sinnlos? Das ist unser Leben! Wenn man das Leben nennen kann!“
Sie streckte ihren Arm aus und strich damit über die gesamte Menge an Zombies, die in dieser Fabrikhalle saß.
„...reiß ich dir die Eier ab…“ murmelte eine Frau am nächsten Tisch.
„Und wer bist du?“ fragte der Mann, gegen den der Meister gestoßen war.
„Wenn ich sage wer ich bin“, antwortete der Meister mit einer Mischung aus neu gewonnenem Selbstbewusstsein und Vorsicht, „dann werdet ihr mich auf der Stelle zerfleischen.“
„Wieso?“ fragte die Frau zurück. „Bist du der Chef des Unternehmens?“
„Schickt dich der Art Director?“ fragte ein männlicher Zombie mit kaum unterdrückter Wut in der Grabesstimme.
„Nein“, schüttelte der Meister den Kopf und sah die Frau an, „ich bin derjenige, der das da programmiert hat.“
Er zeigte auf den Bildschirm der Frau, die mit einem Mal aufhörte zu kopieren.
„Und ich glaube, ich weiß einen Weg, um euch zu helfen.“
„Du willst uns helfen?“ fragte der Mann den Zusammenstoßes ungläubig. „Du bist nicht vom Art Director geschickt, um uns Sklaven die Bürde neuer Arbeit aufzutragen, auf das wir bis ans Ende unserer Tages in sinnbefreiten Tätigkeiten ersticken und unser Leben aushauchen?“
„Nichts dergleichen“, antwortete der Meister. „Ich will euch arbeitslos machen“
Mit einem Mal war es ruhig in der Halle. Niemand mehr klickte auf eine Maus oder schlug auf eine Tastatur. Niemand mehr murmelte ein Fluchwort. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Tief in den Augenhöhlen liegende Augen. Der Meister wusste nicht, ob er in den kommenden Minuten noch am Stück vorhanden wäre.