Die Kaffeemaschine und die Herrschaft
Steinbach ging aus der Kaffeeküche der Abteilung, ohne Schröder zu grüßen. Nicht nur das. Steinbach tat so, als gäbe es Schröder gar nicht. Als sei Schröder überhaupt nicht da. Schröder jedoch trat einen Schritt zurück. Er ließ seinen Abteilungsleiter Steinbach aus der Küche gehen und wartete mit gesenktem Blick vor der Türe, um selber in die Kaffeeküche zu gelangen.
Schröder trat vor die Kaffeemaschine. Natürlich war die Kanne leer. Steinbach hatte die letzte Tasse Kaffee genommen. In der Theorie gab es in der Abteilung die Regelung, dass der Mitarbeiter, der die letzte Tasse Kaffee nimmt, eine neue Kanne aufsetzt. Doch so grau wie jede Theorie war auch diese. Niemand hielt sich an die Regelung.
Schröder wollte sich umdrehen, um ohne Kaffee aus der Küche zu gehen. Er kam nicht bis zur Tür.
„Schröderchen, haben wir wieder die letzte Tasse genommen?“ fragte Frau Lauenstein.
„Ich habe...“ begann Schröder sich zu rechtfertigen.
„Sie kennen doch die Regel“, herrschte die Assistentin des Abteilungsleiters Schröder von oben herab an. Sie legte den Kopf ein Stück in den Nacken und sah Schröder unter ihren künstlichen Wimpern an. Sie war keine kleine Frau, und die Oberschenkel unter ihrem kurzen Rock mochten in der Jugend einmal schlank gewesen sein. Nun, nach der gefühlt zwanzigsten Diät, sammelten sich Fettpolster an den Körperstellen, die sie immer durch ihre betont knappe Kleidung optisch hervorhob. Und ihre hohen Absätze ließen sie nicht nur größer erscheinen; wenn sie aufrecht stand, blickte sie Schröder auch von oben auf den Haaransatz.
„Wollten Sie wieder die leere Kanne abstellen und gehen, ohne sich um die anderen zu kümmern?“ herrschte die Assistentin Schröder an. „Na, Sie sind mir aber ein schöner Kollege!“
Lauenstein stellte ihre Tasse auf der Spüle ab.
„In fünf Minuten brodelt hier aber ein frischer Kaffee!“ bellte Lauenstein Schröder einen Befehl entgegen. Dann wandte sie sich ohne einen weiteren Blick von Schröder ab und stöckelte aus der Tür, mit dem lauten Klacken ihrer harten Absätze.
Schröder seufzte. Er warf ein Fluchwort in den Raum, das keiner außer ihm hören konnte. Dann nahm er die Kanne aus der Maschine, ging mit gesenktem Haupt an die Spüle und ließ kaltes Wasser in die Kanne laufen. Mit hängenden Schultern goss er das Wasser in die Maschine.
Mobbing und Mehrarbeit für Schröder
Nur kurz war Schröder austreten. Zwei, vielleicht drei Minuten, die er nicht am Arbeitsplatz verbracht hatte. Wenige Minuten, in denen niemand von den Kollegen aufgestanden war und vielleicht den Versuch hätte unternehmen können, die Blumen zu gießen.
Doch für das Gießen der Tastatur hatte es ausgereicht. Wie gestern, wie vorgestern, wie jeden Tag der vergangenen Woche hatte ein Kollege den Kaffeebecher von Schröder genommen, dessen Inhalt auf die Tastatur seines Laptops gegossen und den Becher wieder auf den Schreibtisch zurück gestellt. Nun, da Schröder von der Toilette kam, sah er wieder den blauen Bildschirm eines Systemabsturzes vor sich. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, irgendeinen der Kollegen zu fragen, wer das war oder ob man irgendetwas gesehen hatte. Das hatte Schröder alles schon versucht. Natürlich hatte niemand etwas gesehen. Resigniert setzte Schröder sich an den Schreibtisch. Er zog die Schublade seines abgeschlagenen Schubladenkastens auf und nahm eine Rolle Küchenpapier heraus, begann damit, die Tastatur abzutupfen.
Steinbach knallte einen Stapel Aktenordner auf Schröders Schreibtisch.
„Das muss bis heute Abend im System sein“, herrschte der Abteilungsleiter seinen Buchhalter an.
„Das wird nicht gehen“, gab Schröder zurück, ohne den Blick von der schwimmenden Tastatur seines Laptops zu nehmen.
„Was soll das heißen?“ fragte Steinbach. „Das geht nicht?“
Steinbach baute sich breitbeinig vor Schröder auf, die Fäuste in die Hüften seines maßgeschneiderten Anzugs gestemmt.
„Das sehen Sie ja“, sprach Schröder ruhig. „Der Rechner ist wieder platt.“
„Dann rufen Sie bei der IT an und sorgen sie gefälligst dafür, dass Ihr Rechner wieder läuft!“ bellte Steinbach, dass es auch die anderen Kollegen den Flur herunter deutlich hören konnten. „Wenn Sie so unfähig sich, dauernd Ihren Rechner schuldhaft zu beschädigen, dann werden Sie die Stunden nacharbeiten, bis Sie fertig sind!“
Steinbach drehte sich um. Schröder seufzte. Er spürte den Blick der beiden Kollegen, die durch den offenen Spalt seiner Bürotür blickten und ein Lachen nur mühsam unterdrücken konnten.
Am Rheinufer ändert sich das Leben
Es war nun endgültig dunkel geworden. Schröder stand auf, klopfte sich Staub von den Oberschenkeln seiner Anzugshose aus dem preiswerten Kaufhaus. Er zog den Mantel ein Stück enger. Die Innentasche hatte er offen gelassen. Sein Handy nutzte den Spalt aus und fiel aus der Tasche, purzelte über ein paar Steine und blieb dann zwischen den Basaltblöcken liegen, nur ein paar Zentimeter oberhalb der Wasserlinie.
Schröder stieß ein Fluchwort aus, kroch auf den Steinen nach unten, in der Hocke, einen Fuß vor den andern setzend. Die Dunkelheit tat ihr übriges, ihm das Leben schwer zu machen. Irgendwo in einer der dunklen Spalten unter ihm lag sein Handy. Er verkeilte einen seiner Schuhe zwischen zwei Steinen, streckte den rechten Arm nach unten aus und tastete sich durch eine Spalte.
Zwischen den Steinen hatten sich bei Hochwasser nicht nur Reste von Müll abgesetzt, auch kleine Steine fanden dies einen schönen Platz, um sich niederzulassen. Schröder verlagerte sein Gewicht auf den linken Schuh. Dem dort liegenden Kiesel behagte dies gar nicht. Aus Protest über den Druck rollte der Kiesel beiseite. Schröders linker Schuh verlor den Kontakt zu den Steinen. Schröder selbst ruderte ein paar Sekunden mit den Armen hilflos in der Luft herum, stieß einen Laut des Erschreckens aus und fiel dann schwungvoll ins Wasser.
Die Strömung des Rheins wollte Schröder sofort in die Mitte des Flussbettes ziehen, dort, wo die Schrauben der Schiffe weiche Gegenstände wie Menschen in handliche Pakete zerhackten. Schröder war kein Sportler, schon gar kein durchtrainierter Schwimmer, und auch seine Kleidung war zwar für die Arbeit im Büro recht geeignet, nicht jedoch für einen Aufenthalt an der Wasseroberfläche. Begierig saugten sich der Stoff der Hose, des Hemds, der Unterwäsche und des Mantels voll mit dem Wasser des Rheins. Schröder verlor trotz heftiger Ruderbewegungen seiner Arme mehr und mehr an Auftrieb und wurde unter Wasser gezogen.