Die gehackte Waschmaschine: Geschichte von Thomas Berscheid
Herbert war stolz. Endlich hatte er die neuen Haushaltsgeräte. Endlich konnte er Marina mit seiner Waschmaschine imponieren, wenn sie das nächste Mal zu ihm zu Besuch kam. Und vielleicht endlich auch über Nacht blieb.
Was hatte der Verkäufer nicht alles versprochen! Die Waschmaschine und der Herd hatten nun einen Internetanschluss. Mit einer drahtlosen Schnittstelle konnten sie nun direkt miteinander und mit den anderen Geräten in der Wohnung kommunizieren. Sie konnten ihm per WhatsApp auf dem Handy sagen, wann die Wäsche oder die Lasagne fertig waren. Die Waschmaschine hatte sogar eine eigene App, die er auf seinem iPhone installiert hatte! So konnte er die Maschine auf der Arbeit einschalten und bei der Rückfahrt verfolgen, wie warm das Waschwasser war. Alles auf dem letzten Stand der Technik.
Die Vorteile lagen auf der Hand: Wenn Herbert im Büro länger arbeiten musste, konnte er seiner Waschmaschine nun sagen, dass sie später loslegen sollte. Wenn sie dann mit dem Schleudern fertig war, bekam er eine SMS. Richtig praktisch. Den Herd konnte er vom Handy aus einschalten. Wenn er vom Einkaufen kam und sich ins Auto setzte, konnte er ihn vorheizen. Und sobald er zu Hause ankam, war der Backofen heiß genug, um die Pizza reinzuschieben und in fünf Minuten stand die fertige Mahlzeit auf dem Tisch.
Auch der Kühlschrank wollte da nicht zurückstehen. Wenn er im nächsten Monat das Geld dazu hatte, wollte Herbert ihn einem update unterziehen. Eine CoolCam sollte dann im Inneren nachsehen, was noch an Essen im Schrank war.
Herbert freute sich über die Technik, die das Leben süßer und einfacher machen sollte.
Er hat das Handy ausgehorcht
Marina wollte nicht bleiben. Sie war zwar auf einen Kaffee und eine Nummer mit hochgekommen. Bevor die Sonne aufging, wollte sie aber wieder nach Hause. Sie rauchten noch eine Zigarette zusammen.
Das Handy brummte. Herbert griff zum brummenden Knochen. Er warf einen Blick auf das Display. Die Nummer kannte er nicht. Er zeigte die Nummer Marina. Sie kannte sie. Es war ihr Freund.
„Woher kennt der meine Nummer?“ fragte Herbert.
„Der hackt gerne“, antwortete Marina. „Der ist Computerfreak. Hat wahrscheinlich mein Handy ausgehorcht.“
„Scheißtechnik“, murmelte Herbert und drückte den Anruf weg.
„Ich geh‘ besser“, sagte Marina und zog ihre Unterwäsche an.
Ein Geräusch weckte Herbert auf. Hinter der Wand gurgelte Wasser. Er machte Licht an. „Hatte ich die Waschmaschine angelassen?“ fragte er sich und stand auf. Das Geräusch verstummte. Die Maschine blinkte im Stand-By-Betrieb und gab kein Geräusch mehr von sich. Falscher Alarm.
Herbert ging zurück ins Bett.
Wieder das Laufen der Waschtrommel. Diesmal war er schneller im Bad. Diesmal blinkte das Display. Eine Fehlermeldung. Herbert drückte auf die Taste für das Hilfemenü. Keine Reaktion. Die Waschmaschine stellte selbsttätig eine Verbindung ins Internet her. Sie wollte ein update ihrer Software haben.
Herbert wurde es zu bunt. Er zog den Stecker aus der Wand. Die Maschine erstarb.
Endlich Wochenende. Herbert legte die letzte Buchung beiseite. Er warf einen Blick auf den Wetterbericht für die nächsten beiden Tage. Durchwachsen. Sah nicht gut aus. Die Radtour mit Marina könnte ins Wasser fallen.
Nun, er sollte das Wochenende gut vorbereiten und loggte sich in der App der Waschmaschine ein. Das Rad auf seinem iPhone drehte sich ohne Unterlass. Keine Rückmeldung. Er versuchte sich erneut einzuloggen. Keine Reaktion. Was machte das Mistding? Er wollte einfach nur die am Morgen angesetzte Wäsche anstellen! Warum kam er jetzt nicht ran? Der Hersteller war doch auch im Internet. Er besuchte die Webseite. Versuchte von dort aus an seine Maschine zu gelangen. Das System kannte sie zwar, kam aber auch nicht weiter.
Kam er wenigstens an den Herd? Er griff zum Handy, startete die App für seine Geräte im Haushalt und wählte den Backofen aus der Liste. Der Herd meldete sich. Er war nicht eingeschaltet, hätte aber seinen Befehlen Folge geleistet. Strom war also da.
Herbert beschlich eine böse Vorahnung. Er machte früher Feierabend.
Die neue Waschmaschine ist ein Auslaufmodell
Bis zum Haus kam Herbert ohne Probleme. Aber schon im Treppenhaus merkte er, dass etwas nicht stimmte. Er sprang die beiden Treppen bis zu seiner Wohnung hoch. Die Schuhe platschten unter ihm, die Treppe war nass. Ein kleiner Bach lief über die Stufen herunter.
Vor seiner Haustür standen mehrere Menschen. Der Nachbar gegenüber und die Frau aus der Wohnung unter ihm erkannte er sofort. Sie standen im Wasser. Und das kam aus seiner Wohnung. Der Nachbar von gegenüber drehte sich um.
„Was haben Sie denn für eine beschissene Waschmaschine?“ schnauzte ihn sein Nachbar an.
„Die ist ganz neu“, wandte Herbert sich zu ihm und drückte sich in die Wohnung.
Der Hausmeister hockte vor der Waschmaschine. Das Wasser reichte ihm über die Knöchel.
„Ach, da sind Sie ja!“ sagte er, als er Herbert erkannte. „Sie haben das ganze Haus unter Wasser gesetzt!“
„Bitte?“ Herbert fiel die Kinnlade herunter.
„Die Maschine ist ausgelaufen“, sagte der Hausmeister. „Bei Ihrer Nachbarin ist es schon durch die Decke getropft. Wir mussten Ihre Tür aufmachen, da kam uns schon der erste Schwall entgegen.“
„Die ganze Einrichtung ist hin!“ giftete die Nachbarin Herbert an. „Das bezahlen Sie mir! Das wird teuer! Richtig teuer!“
Sie verschwand nach unten. Herbert kramte ein Wischtuch aus dem Schrank.
„Und warum ist sie ausgelaufen?“ wollte Marina wissen.
„Das Ventil für den Wasserzufluss hatte sich geöffnet“, antwortete Herbert. „So hat mir das der Techniker erklärt. Aber er konnte mir nicht sagen, warum dann die Tür aufgegangen ist. Er meinte nur, dass das eigentlich nicht passieren könnte. Er hat es der Versicherung als Unfall gemeldet. Die wird wohl zahlen.“
Marina schmiegte sich an ihn. „Dafür ist deine Wohnung jetzt sauber“, sagte sie mit einem charmanten Lächeln.
Der Herd stiftet uns eine Tropennacht
Marina streifte ihre Decke zurück. Sie schlug ein Auge auf. Herbert hatte Schweißperlen auf der Stirn. Es war heiß in der Wohnung. Draußen war Herbst, aber im Schlafzimmer herrschte Hochsommer wie in Rio de Janeiro. Dabei hatte Herbert die Heizung gar nicht aufgedreht.
„Wach auf!“ sagte Marina und stupste Herbert an. „He, wach auf. Deine Wohnung ist ‘ne Sauna.“
Herbert erwachte mit einem Murren. Er wischte sich instinktiv den Schweiß von der Stirn. Mit einem Mal war er hellwach. Sein erster Griff galt der Heizung. Die war kalt.
„Wonach riecht das hier?“ fragte er sich. Er analysierte den Geruch. Knoblauch und verbrannter Käse. Sie hatten sich eine Pizza gemacht, mit extra Käse, der an der Seite herunter gelaufen war.
„Hab‘ ich den Herd nicht ausgemacht?“ dachte er und sprang aus dem Bett. Als er durch den Flur rannte, in die Küche kam, hatte er das Gefühl, in einen Hochofen zu rennen. Auch die Hölle konnte sich nicht anders anfühlen. Die Küche war in ein dunkles Rot getaucht. Die Luft kochte.
Herbert riss das Fenster auf. Machte das Licht an. Der Schalter wollte ihm nahezu am Finger festkleben. Mit einem Knall verabschiedete sich die Energiesparlampe. Aber nun konnte er auch so genug sehen, denn die Platten des Cerankochfeldes auf seinem Herd glühten orange und gelb vor Hitze. Er nahm ein Tuch von der Spüle, fluchte über den kochend heißen Wasserhahn und versuchte mit dem nassen Tuch auf die Schaltflächen für die Kochflächen zu tippen. Das ganze Oberteil des Herdes war so heiß, dass das Wasser aus dem Lappen in Sekundenschnelle mit einem Zischen verdunstete und der Stoff augenblicklich festbackte. Alle vier Schalter standen auf Maximalstellung. Und Herbert konnte sie nicht mehr abstellen.
Der Umluftherd brüllte vor Hitze und spie Wüstenluft in die Küche. Herbert bekam den Schalter zu fassen. Doch sobald er diesen auf Null zurückgedreht hatte, drehte er sich von selbst wieder auf Maximalstellung. Auch die anderen Schalter regelten sich automatisch wieder hoch.
„Was ist denn hier los?“ fragte Marina verängstigt.
„Der Herd spinnt!“ rief Herbert. Er riss die Wohnungstür auf. Seine letzte Chance war der Sicherungskasten. Er drückte den Schalter für Starkstrom nach unten.
Endlich Ruhe.
Sein Handy im Flur piepte. Es hatte den Kontakt zum Herd verloren.
„Die ganzen Geräte spinnen“, sagte Herbert resignierend. „Als hätte sich jemand verschworen, mir das Leben zur Hölle zu machen.“
Marina warf einen Blick aus dem Fenster. Auf der Straße stand ein BMW. Im Innenraum zuckten blasse blaue Lichtblitze.
„Das war kein Zufall“, sagte sie.
Marina zog Herbert ans Fenster. Und sagte ihm, wer da unten im Wagen saß.
Er will den Typen kochen
Die Verbindung mit dem Herd war abgebrochen, und Fred hatte keine Ahnung warum. Und auch die Waschmaschine hatte plötzlich keine Verbindung mehr. Dabei wollte er diesem Typen die Nacht zur Hölle machen und ihn kochen. Dieser Typ, der seine Freundin vögelte.
Okay, er ließ sie verdammt oft zu Hause allein. Ein DevOp hat nun mal lange Arbeitszeiten. Da konnte er zu Hause keinen Stress brauchen. Und da lief auch im Bett nicht mehr so viel wie in der Zeit des Studiums. Jetzt ging sie fremd. Dem Typen wollte er es zeigen. Aber so richtig.
Er bemerkte die beiden Gestalten nicht, die sich von hinten an den Wagen heran schlichen. Langsam kamen sie an der Beifahrertür vorbei.
Fred hob den Blick. Er bemerkte einen Schatten. Das war Marina, er erkannte sie sofort. Dann sah er einen zweiten Schatten. Das musste der Typ sein, mit dem sie vögelte.
Bevor Fred überhaupt einen Gedanken zu Anfang bringen konnte, löste der Airbag aus. Der Knall war ohrenbetäubend. Das Laptop donnerte Fred ins Gesicht. Die Tastatur schlug hart gegen seine Nase und pulverisierte sein Nasenbein, bevor das Gerät selber zerbrach. Um ihn herum wurde es schwarz.
Marina und Herbert nahmen ihre mit Aluminiumfolie umwickelten Handys herunter. Es hatte gewirkt. Genauso, wie sie es in diesem Live Hack bei YouTube gesehen hatten. Der Impuls hatte den Airbag losgeschickt.
Fred würde nun keinen Ärger mehr machen.