Ein Mann wartet auf die Aliens am Veenweg
Die Bäuerin öffnete die Holztür zum Veenweg. Sie warf einen Blick zu beiden Seiten des langen asphaltierten Bandes. Morgen sollte hier wieder eine Meute von Rennradfahrern durchrollen. Dann würden Hunderte von Rennfahrern hier entlang fahren. Da sollte das Stück Asphalt vor ihrer Haustüre sauber sein. Sie begann damit, den glatten Belag von Staub und den letzten Blättern zu befreien, die der Aprilwind auf den Feldern zur niederländischen Grenze hin herüber geweht hatte.
Sie war in Gedanken versunken. Dachte an die Kartoffeln, die sie zum Mittagessen aufgesetzt hatte. Zwei, drei Minuten vielleicht noch, dann musste sie den Herd herunterstellen.
Mit der Bankette der Straße war sie durch. Sie drehte sich um. Erschrak.
Den Mann, der da mitten auf der Straße stand, hatte sie gar nicht bemerkt.
Wo kam der denn her?
Sie stützte sich auf den Stiel ihres Besens. Betrachtete den Mann. Neugierig war sie schon. Sie hatte ihn schon ein paar Mal gesehen, wie er langsam mit dem Auto hier durchgefahren war. Der Fremde stand mitten auf dem Weg, den Kopf in den Nacken gelehnt, den Rücken ihr zugewandt.
„Was machen Sie denn da?“ fragte sie mit lauter Stimme.
Der Mann blieb erst bewegungslos stehen, wandte sich dann zu ihr um, ohne Aufregung.
„Die Besucher kommen bald“, antwortete er ruhig.
Die Bäuerin nahm den Besen in den rechte Hand und ging zwei Schritte auf Ewald zu. Nicht weiter.
„Besucher?“ fragte sie zurück.
„Sie haben mir gesagt, dass sie kommen“, antwortete er. „Und sie werden die Auserwählten abholen.“
Frühling am Niederrhein
Es war einer dieser Tage, an denen Ewald den Niederrhein schätzte. Frühling in der weiten Landschaft. Nicht mehr diese klamme Kälte, die entweder vom Himmel herab nieselte oder aus der Niers aufstieg, die aber immer bis in die Knochen hinein zog. Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die diesige Luft bahnten. Krokusse schossen als die ersten Frühlingsboten aus der Erde. Wenn er ausatmete, hatte er nun nicht mehr bei jedem Atemzug eine Wolke vor dem Gesicht.
Ewald hatte den Winter hindurch viel Zeit im Internet verbracht. Hatte einen neuen Blick vom Satelliten aus auf seine Heimat entdeckt. Er war in Straelen aufgewachsen, und er dachte, hier würde er jedes Fleckchen Erde auswendig kennen. Es gäbe nichts Neues, was ihn noch begeistern könnte. Doch nun stieß er auf die Geheimnisse, die ihm Zeit seines Leben verborgen geblieben waren.
Dort, wo er ausgedehnte Wälder vermutet hatte, sah er nun breite, asphaltierte Straßen, auf denen große Lastwagen standen, Panzer, daneben große Hallen. Er fand die Depots der Bundeswehr, die versteckt im Wald lagen, unzugänglich für Normalsterbliche wie ihn.
Seine Neugier war geweckt.
Ewald wird vom Blitz getroffen
„Das kann er nicht überlebt haben!“ sagte eine Frauenstimme.
„Der ist tot“, sagte ein älterer Mann.
„Komm weg da!“ befahl ein Anderer.
Stimmen. Es waren Stimmen, die Ewald da hörte. Aber nicht die Stimmen der überirdischen Wesen von überragender Weisheit, mit denen er gerade kommuniziert hatte. Nein. Menschliche Wesen.
Ewald horchte um sich herum. Er lag weich. Gemurmel von Menschen um ihn herum. Er bewegte einen Finger. Der Grund, auf dem er lag, fühlte sich feucht an. War es sein Blut, in dem er lag? Nein. Es fühlte sich nicht klebrig an. Er nahm einen leichten Zug Luft ein. Es roch nach Regen. Er versuchte ein Auge zu öffnen. Blinzelte.
„Der lebt ja noch!“ sagte die Frauenstimme.
Ewald schlug beide Augen auf. Er sah den alten Mann, der vorhin mit seinem Enkel Weidenstöcke geflochten hatte. Der alte Mann hatte sich nun über ihn gebeugt. Und er hatte einen sehr besorgten Gesichtsausdruck.
„Was ist passiert?“ stammelte Ewald mit schwacher Stimme.
„Sie sind geflogen“, erklärte der alte Mann. „Sie sind vom Blitz getroffen worden. Das war ein richtiger Lichtbogen, in dem Sie...“
Ewald wandte den Blick zur Seite. Er vernahm, dass ein Mann aufgeregt telefonierte. Brocken von Worten drangen in Ewalds Ohr.
Dann versuchte er sich auf die Seite zu rollen. Es war, als durchströmte ihn ein neuer Schuss von Energie.
„Bleiben Sie doch...“ versuchte der alte Mann auf Ewald einzuwirken.
Doch Ewald gehorchte nicht. Er stand auf. Zuerst war ihm noch etwas schwindlig. Dann stellte er sich auf beide Beine. Er sah auf seine Hände. Sie waren unverändert. Er blickte zum Himmel hoch. Sah die letzten Regentropfen, die aus der Gewitterwolke fielen, bevor sie neuen Sonnenstrahlen Platz machten.
Ihm war also nichts passiert. Alles nur ein böser Traum.
Langsam wurde ihm warm. Er zog den Pullover über den Kopf. Es fühlte sich komisch an, so leicht, so zerfasert. Endlich hatte er den Faserpelz ausgezogen und konnte ihn betrachten.
Der ganze Pullover war eine einzige geschmolzene Masse.
Das Letzte, was Ewald hörte, als er in Ohnmacht fiel, war das Schrillen eines fernen Martinshorns.