Die Fahrt zur Arbeit
Ronald fuhr wie jeden Morgen in die Stadt. Er stieg am Bahnhof in Pulheim aus dem Auto, rückte seine Krawatte zurecht, ging auf den Bahnsteig, wartete auf die S-Bahn. Dieselben Gesichter, dieselbe Verspätung wie jeden Morgen, wenn er nach Köln hineinfuhr. Alles ging seinen gewohnten Gang.
Natürlich fand Ronald keinen Sitzplatz mehr. Es wäre auch zu schön gewesen, darauf zu hoffen. Aber es war besser, als die gesamte Stunde im Auto zu sitzen, ab und zu den Fuß vom Bremspedal zu nehmen, um in der Baustelle auf der Autobahn mit der Geschwindigkeit einer altersschwachen Weinbergschnecke entlang zu kriechen.
Am Hansaring stieg Ronald aus. Wenn das Wetter schön war, nahm er gerne den Fußweg durch das Agnesviertel oder schlenderte den Ring herunter. Die Bäume hier in der Stadt waren schon weiter als die draußen in Pulheim. Die ersten zaghaften Blüten schossen aus den Ästen hervor und rollten sich der Sonne entgegen.
Am Eingang der Versicherung zog Ronald die Karte am Lesegerät vorbei. Er warf der Dame hinter der Rezeption ein freundliches „Guten Morgen“ zu.
Es war der 29. März 2010. Er wusste nicht, dass dies der letzte Tag seiner normalen Zeitrechnung war.
Der Schnipo-Tag und das CERN
Heute war Schnipo-Tag in der Kantine. Es war kurz vor 12:00 Uhr mittags. Die Schlange vor der Essensausgabe stand einmal hin und einmal zurück durch den Flur.
Ronald drückte sich aus dem Aufzug. Er quetschte sich die Wand entlang, um zum Ende der Schlange zu gelangen. Wartete geduldig, bis er sich ein Tablett ergreifen konnte. Nahm seine Portion Schnitzel mit Pommes auf Rahmsauce, zahlte und sah sich um. Am Fenster sah er einen freien Platz.
„Mahlzeit“, grüßte er, als er das Tablett auf dem Tisch abstellte.
„Mahlzeit“, echoten die Kollegen von der Risikobewertung zurück.
„Auch totes Tier?“ fragte sein Kollege Hardy.
„Sicher“, nickte Ronald ihm zu. Er setzte sich, steckte eine Serviette in den Knoten seiner Krawatte und nahm Messer und Gabel in die Hand.
„Ich hab' mir die nächsten Tage freigenommen“, erklärte Hardy. „Für das Experiment.“
„Experiment?“ fragte Ronald. „Ist mir das was entgangen?“
„Na, der Teilchenbeschleuniger“, antwortete Hardy. „Das große Experiment vom CERN. Ein Kumpel von mir arbeitet seit Jahren an dem Projekt. Ich habe eine Einladung ins Allerheiligste. In die Katakomben.“
„Respekt. Da kommt sonst keiner rein. Wann geht’s los?“
„Morgen wird hochgefahren. Dann gibt es die ersten Kollisionen.“
„Und die Welt geht unter.“
„So denken nur Mathematiker“, entgegnete Hardy. „Kein Sinn für die Realität.“
Mit der Zeit stimmt was nicht
Auch der 31. März begann wie jeder andere. Ronald stieg gemütlich aus dem Wagen. Eigentlich waren es nur noch 2 Minuten, bis die S-Bahn Richtung Köln einfuhr. Aber die hatte ja ohnehin immer Verspätung. Er konnte sich Zeit lassen.
Als Ronald die Zentralverriegelung betätigte, hörte er das leise Kreischen der S-Bahn, die im Bahnhof bremste. Er starrte auf das Gleis. Die Bahn fuhr ein. Pünktlich auf die Sekunde! Er nahm die Aktentasche unter den Arm, flitzte in die Unterführung, raste um die Ecke, kollidierte fast mit der Wand, nahm auf der Treppe immer zwei Stufen auf einmal.
Die Türen schlossen. Zu spät.
Eine Frau mit Kinderwagen mühte sich, durch die letzte noch offene Tür zu kommen. Ronald sprintete zu ihr hin. Er drängte sich hinter der Frau durch die Tür.
Erleichtert atmete er durch.
Hardy kommt nicht mehr zur Arbeit
Heute war keine Schlange vor dem Aufzug. Ronald konnte in einem Rutsch zur Kantine durchgehen. Wo sich zwei Tage zuvor die Massen vor toten Tieren und fettigen Kartoffelstäbchen drängten, herrschte heute gähnende Leere. Der Grund dafür lag in der Theke und auf dem Buffet: Vollkornbratlinge, Müsli, frisches Obst, Haferflocken, fettarmer Joghurt. Ronald schaufelte sich gebratenes Tofu Bolognese mit Vollkornnudeln auf den Teller und suchte nach einem freien Platz. Es gab jede Menge davon.
Wo war Hardy? Er wollte doch heute wieder zurück sein.
Ronald setzte sich ans Fenster, blickte noch einmal in den Flur. Er fragte den einzigen Kollegen aus der Risikobewertung, ob er vielleicht...
Aber Hardy war heute nicht zur Arbeit erschienen.