Jürgen Buttgereit starrte auf den Bildschirm und streifte die Asche von seiner Selbstgedrehten ab. Den ganzen Abend lang hatte er schon vor dem Rechner gesessen und hatte immer noch das Kribbeln in den Fingern. Erst vor wenigen Tagen hatte er den neuen DSL-Anschluss bekommen. 50 Megabit pro Sekunde im Download. Was hatte er sich nicht alles ausgerechnet! In weniger als einer halben Stunde hätte er Troja heruntergeladen und bräuchte nicht mehr rüber ins Cinedom, um sich Brad Pitt mit dem Schwert anzusehen. Bei Koozoo hatte er sich in die Liste eingetragen, aber noch hatte kein anderer User den Film im Angebot.
Er sog den letzten Zug an Nikotin aus dem Stummel und drückte den Rest der Zigarette im überfüllten Unterteller aus. Er stand auf, öffnete das Fenster und lies eine Rauchschwade auf den Ring hinaus wallen.
Der Schrei einer sterbenden Frau lies ihn zusammenfahren. Sein Rechner sagte ihm, das ein Download bei Koozoo zu Ende gegangen war. Es war der neueste Hit von Hubert F., „Lucky only with me“. Letzte Woche bei RTL in der Casting Show neu vorgestellt, nun schon auf Platz 1 der RTL-Charts. Jürgen klickte auf das Stück, speicherte ihn auf der dritten Festplatte in seinem Rechner, auf der noch ein weiteres Terabyte nach Downloads lechzte.
Der Real Player öffnete sich, die ersten Schläge des Drum Computers fetzten in Jürgens Kopfhörer, dann die Stimme des 18-jährigen. Singen konnte er zwar nicht, aber das war ohnehin nicht das Wichtigste.
Eine Minute verging. Jürgen sog die sanfte Luft der beginnenden sommerlichen Nacht ein, die durch das Fenster in sein Zimmer strömte. Da irgendwo hinter der Tür saßen seine Eltern und sahen sich das Traumschiff oder Richterin Barbara Gewäsch an. Er warf einen Blick auf die Liste der downloads, die noch offen waren.
Dann blickte Jürgen plötzlich auf. Eine Botschaft durchströmte seinen Körper. Es war nicht Hubert F., der da sang. Es war sein eigenes Ich, dass plötzlich zu ihm redete. „Jürgen, du bist es! Du kannst es!“ sagte die Stimme in seinem Inneren. Jürgen stand auf, gehorchte der Stimme in seinem Inneren, denn noch viel tiefer in sich spürte er, dass es diese Stimme war, die ihn glücklich machen werde.
Es ging auf 1 Uhr in der Nacht zu. Er öffnete leise die Tür seines Zimmer, warf einen Blick in den Flur. Aus dem Wohnzimmer drangen warme Farbtöne der Klinik unter Palmen, vor denen seine Mutter gerade von einem Leben in der Karibik träumte. Sein Vater schnarchte jetzt bestimmt schon im Bett, hören konnte er es nicht, denn er hatte Hubert F. weiter im Ohr seines drahtlosen Kopfhörers. Leise nahm Jürgen seinen Schlüssel vom Schlüsselbrett. Leise drückte er den Riegel der Wohnungstür beiseite und schlüpfte in den Flur. Er hörte das Klacken der Lichtanlage nicht, als sie das Treppenhaus den alten Hauses in Gang setzte.
„Jürgen, erfülle dir den größten Traum deines Lebens!“ hauchte die Stimme in seinen Ohren.
Jürgen ging die zwei Treppen hoch bis zu der Tür, die auf das Flachdach des Wohnhauses führte. Der Schlüssel seines Vaters passte. Frische Nachtluft schlug Jürgens Nase entgegen, ein Sternenhimmel wölbte sich zwischen den Wolkenfetzen über seinem Kopf. Er hätte hören können, wie der Kies auf dem Flachdach unter seinen Schuhen knirschte, wenn er nicht Hubert F. in der Endlosschleife in seinem Ohr gehabt hätte.
Der Weg endete an der Kante, hinter der es 6 Stockwerke nach unten ging.
„Du kannst fliegen, Jürgen!“ sagt die Stimme in seinem Kopf. „Du schaffst es! Du musst es nur wollen!“ Immer weiter heizte die Stimme Jürgen an.
Er machte einen kleinen Schritt nach vorne. Unter ihm breitete sich der Hansaring aus, schräg gegenüber blinkten die orangen Werbebotschaften von Saturn. Schräg gegenüber standen ein paar Studenten vor einem hell erleuchteten Laden und schaufelten sich eine Pizza in den Mund.
„Flieg, Jürgen, flieg!“ hauchte ihm die Stimme zu. „Flieg! Jetzt! Du kannst es!“
Und Jürgen glaubte es jetzt.
Er sprang.
Marita Evers hatte einen langen Tag hinter sich. Den ganzen Tag hatte sie bei Karstadt versucht, Socken an den Mann zu bringen. Dann auch noch bis um 1 Kellnern in der Distel. Sie kramte zwischen Lippenstift, Pfefferspray und Tampons in ihrer Handtasche nach dem Haustürschlüssel, was im Halbdunkel der Straße nicht ganz einfach war. Sie zirkelte um die Studenten herum, die sich nach der Pizza noch ein Kölsch zogen. Dann war sie wieder alleine auf dem Gehweg unterhalb der Häuser aus der Gründerzeit und dem Wiederaufbau.
Mehr im Unbewussten nahm Marita das Rauschen eines Gegenstandes wahr, der die Luft zerschnitt. Sie wollte nach oben sehen, aber da klatschte schon etwas vor ihr auf das Pflaster des Hansarings. Ein paar Zähne verließen den Kopf des Menschen vor ihr, ein Schneidezahn prallte gegen ihre Wange. Sie schrie erschrocken auf. Sekunden später sah sie, dass der dunkle Gegenstand ein Mensch war. Atmen konnte er nicht mehr. Jürgen Buttgereit war tot.