Radfahrerbräune: Tagesgeschichte zum Thema Radsport und Beine
Wenn die Beine in der Kantine zum Thema werden
Das Wichtigste in Kürze
- Die Protagonistin genießt nach langen Radtouren durch das Bergische den Sommer, wird jedoch in der Kantine von einem Kollegen unangenehm angestarrt. Der Vorfall verdirbt ihr die Laune und führt dazu, dass sie sich am nächsten Tag bewusst verhüllter kleidet, um weiteren Blicken oder Kommentaren zu entgehen.
- Der Ärger über die Situation entlädt sich in einer weiteren spontanen Radtour, die ihr hilft, den Kopf freizubekommen. Am folgenden Tag trifft sie in der Kantine erneut auf denselben Mann. Als sie sich umdreht, entdeckt sie an ihm dieselbe markante Radfahrerbräune, die auch sie trägt – ein unerwartetes, verbindendes Detail.
- Aus dem Missverständnis entsteht ein Gespräch, das in ein gemeinsames Mittagessen übergeht. Beide erkennen, dass sie dieselbe Leidenschaft fürs Radfahren teilen und dass sein Blick am Vortag nicht aus Anzüglichkeit, sondern aus Wiedererkennen resultierte.
- Am dritten Tag treffen sie sich bewusst wieder. Beide tragen kurze Hosen, zeigen mit einem Augenzwinkern ihre Radfahrerbräune und vergleichen spielerisch Muskeln und Grübchen. Die Kolleginnen und Kollegen beobachten das Duo neugierig, während sich zwischen den beiden eine entspannte, humorvolle Vertrautheit entwickelt.
- Schließlich planen sie ihre erste gemeinsame Radtour am Abend – aus einer unangenehmen Begegnung ist ein sympathischer, sportlicher Funke entstanden, der den Beginn einer neuen Verbindung markiert.
Erster Tag: Beine im Kleid
Sie hatte Hunger. Ein Tiger im Magen. Kein Wunder, nach den 76 Kilometern gestern auf dem Rad durchs Bergische. Jetzt ein paar leckere Nudeln. Ungeduldig stellte sie sich an die Theke in der Kantine.
Es war Sommer. Richtig schön warm. Gestern hatte sie den Tag genossen, hatte sich bei der letzten Abfahrt zum Rhein runter die Haare so richtig vom Fahrtwind durchblasen lassen. Heute würde es nichts mit einem Ausritt werden. Sie zahlte ihre Tagliatelle und suchte sich einen freien Tisch. Das iPhone mit dem Geld auf der Karte hielt sie in der Hand, denn dieses Sommerkleid hatte keine Tasche.
So blickte sie um sich. Irgendwo ein Tisch frei? Sie suchte. Und fand etwas, das sie nicht sehen wollte. Ein Typ, der ihr auf die Beine starrte. Augenblicklich verwandelte sich ihre strahlende Laune in eine böse Wolke, mit dem Willen, zu töten. Sollte sie den Typen anquatschen? Sollte sie ihm das Tablett in die Fresse schlagen? Die Antwort gab ihr Magen. Sie drehte sich um und ging in die letzte Ecke, da wo noch ein paar andere Frauen saßen und nicht nur geile alte Knacker.
Zweiter Tag: Radfahrerbräune an den anderen Beinen
Gestern war sie doch noch gefahren. Mal eben eine Viertelstunde die Lunge durchblasen, so richtig auspowern. Am Ende standen mehr als 40 km auf dem Tacho. Sie hatte sich so über diesen Typen aufgeregt, dass sie dringend ein paar Kilometer brauchte, um nicht vor Wut zu platzen.
Heute also wieder in die Kantine. Es war wieder ein schöner Sommertag, aber sie hatte ihre Lehren aus dem gestrigen Tag gezogen. Typisch Frau, hatte sie zu sich gesagt, du suchst die Schuld bei dir selbst… So hatte sie heute morgen eine lange Jeans angezogen, nicht sehr eng anliegend, damit ihr wieder irgend so ein Typ einen Katzenruf nachschickte oder ihr auf den Hintern blickte... Darauf hatte sie echt keinen Bock.
War ohnehin kein schöner Tag heute. Nächste Woche sollte die neue Produktlinie online gehen. Je mehr Tasks sie heute erledigt hatte, desto mehr Mails mit neuen Aufgaben kamen rein. Sie wollte schon auf ihr iPhone blicken, ob endlich der Typ aus der IT den Server…
„Mahlzeit!“ warf ihr plötzlich eine Männerstimme von hinten entgegen. Eigentlich eine nette Stimme. Positiv geerdet drehte sie sich um.
Ach du Scheiße. Der Typ von gestern. Sollte sie ihm jetzt…
Der Typ hielt Abstand. Das Schlimmste, was ihr in Sekunden durch den Kopf ging, wäre jetzt, dass er sich gerade einen runter… Sie blickte unwillkürlich nach unten.
Was sie dann sah, sorgte nicht nur dafür, dass ihr Appetit versiegte oder dass sie zum nächsten richtig scharfen Messer greifen wollte. Sie vergaß sogar für einen Moment ihre Nudelbestellung.
Denn sie sah die Radfahrerbräune.
Dritter Tag: Zeige deine Beine
Das Zusammentreffen heute war nicht ungeplant. Nach dem gemeinsamen Essen von Nudelgerichten in der Kantine und einem Espresso im Anschluss hatten sie sich einen Plan zurecht gelegt. Nun standen sie beide vor der Lounge der Kantine. Während Sie gestern in der langen Jeans erschienen war, hatte Er eine kurze Version einer Jeans angezogen. Als sie auf seine Beine blickte, war ihr mit einem Schlag klar, warum er sie einen Tag zuvor so grenzdebil angegrinst hatte. Denn wie bei ihr waren seine Beine schön braun. Also von vorne und bis eine Handbreit über den Knien. Dann ging die Haut in eine vornehme Blässe nach oben hin über. Radfahrerbräune eben. Wenn man eine dieser Hosen aus dehnbarem Stoff für Radsportler trug, dann wurde nun mal nur ein Teil der Oberschenkel von der Sonne beschienen. Das war ihr Markenzeichen, das war auch sein Markenzeichen.
Und so standen sie nun vor der Essensausgabe, verstohlen beäugt von den anderen Kolleginnen und Kollegen, die zwar interessiert blickten, die beiden aber nicht zu stören wagten. Sie stützten sich auf der Ablage ab, streckten die Beine durch und spannten die Muskeln an.
„Ich hab den schöneren Muskelansatz!“ freute er sich.
„Aber ich habe die schöneren Grübchen!“ gab sie zurück.
„Wo du Recht hast…“
Sie klatschten sich ab. Nahmen ein paar leckere Frikadellen aus der Theke und redeten darüber, wo sie heute Abend ihre erste gemeinsame Runde drehen sollten.