Johann und das SEK: ein Rentner in Köln und der Enkeltrick
Das Wichtigste in Kürze
- Das erste eigene Handy: Der fast 80-jährige Kölner Rentner Johann erhält von seinem technikbegeisterten Neffen Lukas sein allererstes Mobiltelefon – ein einfaches Tastenhandy mit neuer SIM-Karte für den Notfall.
- Nächtlicher SEK-Einsatz: Nur wenige Stunden nach der Aktivierung stürmt ein Spezialeinsatzkommando der Polizei Johanns Wohnung in Niehl, bricht die verriegelte Tür auf und nimmt den unschuldigen Senioren unsanft fest.
- Die folgenschwere Verwechslung: Auf dem Revier klärt sich das Missverständnis auf: Die neu zugewiesene Handynummer wurde Monate zuvor bei einem Verbrechen verwendet
- Die Rache des Rentners: Tage später ruft ein Staatsanwalt bei Johann an, weil sein Sohn einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht haben soll. Johann ist zuerst geschockt. Doch dann keimt in ihm der Gedanke an Rache.
Fast 80 und das erste Handy
So richtig warm mit der ganzen modernen Technik war Johann all die Jahre nicht geworden. Er ging auf die 80 zu, war schon ein paar Jahre in Rente, mittlerweile hatte seine Frau ihn auf dem Weg zum Himmel verlassen und in der Wohnung in Niehl wurde ihm so langsam langweilig. Ja, die langen Spaziergänge am Rheinufer gingen auch nicht mehr so gut, denn die Beine machten nicht mehr mit. Er war nun mal keine 20 mehr.
Das war aber die Altersgruppe seines Neffen. Lukas hatte einen ganz guten Draht zum Opa. Über zwei Generationen hinweg. Als Johann noch richtig laufen konnte, hatte er Lukas ein paar Mal in den Bastelkeller mitgenommen. Dort hatten sie experimentiert, wie man bei einem Rechner LED-Birnen auf Lüfter löten konnte. Damit war Lukas der Star bei einem E-Sport Event in der Schule und leuchtete das Zelt in Longerich quasi im Alleingang aus!
Da verstand es sich wie von selbst, dass Lukas es selbst in die Hand nahm, seinen Opa auf den Stand der Technik zu bringen. Michael, der Sohn von Johann und Vater von Lukas, hatte einen Job in der Verwaltung bei Ford, da musste er sich nie selber um die Rechner kümmern. Nein, das Interesse an der Technik lag eher beim Opa.
Nun war Lukas also im Internet unterwegs gewesen. Er selber hatte so einen Android Balken mit acht Prozessoren, aber Opa… Lukas hatte seinen Laptop mitgenommen und dem Opa ein paar Modelle gezeigt. Schließlich hatte Johann sein neues Handy bekommen. Kein Internet, große Tasten, nur ein paar Funktionen, aber ein dicker Akku und die wichtigsten Rufnummern. Die Karte dazu hatte Lukas bei einem der großen Anbieter bestellt und in den Barren zum Telefonieren für seinen Opa eingesteckt. Nach ein paar Minuten kam die SMS, dass die neue Nummer aktiv war. Lukas hatte seinen Opa angerufen, nur einen Meter entfernt, die Technik klappte.
Am Abend hatte Johann noch einmal mit seinem Sohn telefoniert, ein paar launige Filmchen im Fernsehen begutachtet und war zeitig ins Bett gegangen. Irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr. Wie sonst auch immer. Ein Abend wie jeder Andere auch.
Bis kurz vor drei.
Mit der Ramme kommt die Polizei durch jede Tür
Als er noch kein Rentner war, hatte Johann dafür gesorgt, dass die Tür seiner Wohnung gut gegen Einbrecher geschützt war. Ein stabiles Schloss, ein Stahlriegel, der von einem Türrahmen bis zum anderen ging. Man brauchte schon einen Rammbock wie bei den Römern oder bei den Rittern im Mittelalter, um in die Wohnung reinzukommen.
Ein Klopfen waberte durch Johanns Traum. Ein richtig dickes Klopfen, nein, eher ein Wummern und Krachen, das ihn im Land der Träume verfolgte. Mit einem Mal schreckte Johann hoch. Verdammt, das… das war kein Traum! Das war das wahre Leben! Da rammten gerade wirklich Einbrecher die stabile Eingangstür zu seiner Wohnung auf!
Mit einem gewaltigen Krachen riss die Tür auf der Seite der Schlosses aus der Verankerung. Noch ein Schlag mit der Ramme, dann hatte der muskulöse Mann mit der Sturmhaube und der Splitterschutzweste auch den Stahlriegel aus der Wand geschlagen. Er trat flott einen Schritt zurück. An ihm vorbei stürmten Kollegen, mit schusssicherer Weste, Helmen, Springerstiefeln und Maschinenpistolen, auf denen ein kleines, aber starkes Lichtlein thronte, durch den leeren Rahmen der Eingangstür. Sie riefen Kommandos durch die Wohnung.
Johann bekam es mit der Angst zu tun. Er schlug die Bettdecke zurück und wollte ein Bein aus dem Bett heben. In diesem Moment flog die Zimmertür auf. In Sekundenschnelle stürmten bewaffnete Polizisten eines SEK in das Schlafzimmer, rissen den alten Mann unsanft aus dem Bett, warfen ihn auf den Boden und fixierten seine Hände auf dem Boden. So, als sei Johann ein muskelbepackter, durchtrainierter Mixed Martial Arts Kampfsportler. Alles zu seiner Sicherheit.
Ein Familientreffen bei der Polizei macht keinen Spaß
Nun saßen die Männer der Familie alle beisammen, aber es war kein fröhliches Zusammentreffen, und es war auch keine gute Stimmung.
„Was werfen Sie meinem Vater vor?“ fragte Michael, den ein Telefonanruf von einem Polizeirevier mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte.
Der Kommissar ihm gegenüber entschuldigte sich nicht bei Johann oder einem der beiden anderen Männer der Familie. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Er machte diesen Job schon länger. Und deshalb erzählte er den drei Herren auch kurz und knapp, warum das SEK die Wohnung gestürmt hatte. Es war die Nummer des Handys. Denn diese gehörte vor rund sieben Monaten einem Mann, der einer Rentnerin per Enkeltrick das gesamte Vermögen abgeluchst hatte. Die Nummer hatte die Polizei später nachverfolgen können. Aber wie in diesen Fällen üblich, hatte der Täter das Handy nach einmaliger Nutzung vernichtet.
„Und dann poppt diese Nummer plötzlich bei uns auf“, schloss der Kommissar. „Wir denken uns: Das ist er! Also haben wir uns die Funkzelle geholt. Und die Adresse von der Telefongesellschaft.“
„Mein Vater tut so etwas nicht!“ entgegnete Michael wütend.
„Woher haben Sie diese Nummer?“ fragte der Kommissar ungerührt weiter. Er hatte schon Tausende derartige Gespräche geführt.
Lukas versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Eigentlich war er hellwach, denn man versucht nicht alle Tage seinen Großvater vor der Polizei zu retten, aber er hatte kaum geschlafen und immer wieder wollte der Körper sein Recht. Er klappte sein Laptop auf und drehte den tragbaren Rechner so, dass der Kommissar die Bestätigungsmail der Telefongesellschaft lesen konnte. Er fragte Lukas, ob er ihm die Mail weiterleiten könne. Kurz danach pingte es im Rechner des Polizisten.
Wenig später waren sie vor dem Präsidium. Es war stockfinstere Nacht über Kalk, ein paar tiefergelegte Autos aus dem Süden Deutschlands versuchten gerade bis zum Baumarkt über die 200 Sachen zu kommen. Michael riss die Augen auf, um sich aufzuwecken. Er drückte seinem Vater den Zettel in die Hand, mit dem er die Rechnung für die kaputte Tür später einreichen konnte.
„Und was jetzt?“ fragte Johann.
„Wir bringen dich nach Hause“, antwortete Michael müde. „Und dann will ich nie, nie, nie wieder was vom Enkeltrick hören.“
Die Rache des Rentners ist süß
Es war ein paar Tage später, diesmal am helllichten Tag, als das alte Festnetztelefon schellte. Lange war das nicht mehr passiert. Ein Staatsanwalt war am Telefon. Er sagte Johann, dass sein Sohn einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht habe. Bei diesem Anruf ging Johann die Pumpe. Aber nicht aus Angst… Während er mit dem Staatsanwalt telefonierte, funkte er Lukas per SMS von dem neuen Handy an. Der fiel aus allen Wolken. Aber er wusste, was nun zu tun war.
Als eine Stunde später der Abholer kam, um den Goldschmuck für die Kaution von Johann zu holen, da kamen zwei jüngere Herren links und rechts von der Seite und zeigten dem Mann ihre kleinen Plastikkarten. Und der Kommissar, der gerade noch auf der Couch neben Johann gesessen hatte, nahm in aller Seelenruhe den Hörer des Festnetztelefons und sagte dem Keiler ein paar Straßen weiter, er möge doch jetzt bitte den Schlüssel seines Wagens aus dem Fenster werfen. Sonst könnten die Kollegen, die gerade neben der Fahrertür standen, ernstlich böse werden. Dann legte er auf.
„Beste Beweislage ever!“ sagte der Kommissar und hatte ein Lächeln auf den Lippen, als er die Wohnung verließ. Was er zurückließ, war eine zu Ende gerauchte Zigarettenkippe und die Bestätigung, dass die Rechnung für den Schreiner in den nächsten Tagen bezahlt werde.