Henry will seine Mathenote verbessern
Henry ging die letzten Meter die Straße zur Schule entlang. Er warf einen Blick auf den Touchscreen seines Smartphones. Placebo hatten zu Ende geschrammelt. „Too many friends“ - das Ende einer Reise auf Facebook. Auf Katie Melua hatte er jetzt keine Lust, direkt vor dem Unterricht. Er tippte auf den Touchscreen seines S6 und stoppte die Frau. Ohne auf den Weg zu sehen bog auf den Lehrerparkplatz ein, atmete noch einmal tief durch und sog den letzten Rest der frischen Luft des sommerlichen Morgens ein. Erdkunde stand als erste Stunde auf dem Plan. Langweilig. Heute durften sie sich in die Geographie der argentinischen Rinderweiden vertiefen. Henry sah nach, ob bei Whatsapp etwas Neues reingekommen war. Nur die alte Mail von Markus, der den Kopf von Marwik auf den Körper eines SS-Mannes gebastelt hatte.
Henry steckte sein Samsung an den Hintern. Er zog die Kopfhörer aus den Ohren. Im Hintergrund vernahm er das Geschrei der kleinen Nervensägen aus der sechs, die hier Pogo spielten und sich gegenseitig gegen die Betonfassade des Schulgebäudes klatschten. Etwas weiter standen ein paar Jungs und Mädels aus der Mittelstufe und rauchten. Der Qualm der Zigaretten wehte bis zu ihm herüber. Einer von ihnen war offenbar vor kurzem wieder im Coffee Shop in Venlo gewesen und hatte sich Gras mitgebracht. Der hatte bestimmt einen schönen Start in den Tag.
Auf seinen fast neuen Sneakers von Deichmann schwebte Henry die letzten Meter über den für das Lehrpersonal reservierten Parkplatz zur stabilen Glastür des Haupteingangs. Er sog die frische Morgenluft ein, bevor er die Tür aufmachen und das Erbrochene eines dieser Schüler riechen würde, die sie hier jeden Morgen zur Sau machten. Ein öliger Geruch mischte sich in die laue Morgenluft. Henry blickte zur Seite. Frau Kunze versuchte bei ihrem altersschwachen Golf Cabrio, das Verdeck aus dem Kofferraum nach oben zu biegen. Sie machte keinen Kraftsport. Der Rost in den Scharnieren war stärker als sie. Henry schluckte, ballte kurz eine Faust gegen die aufkeimende Nervosität und fasste sich ein Herz. Mit möglichst lockerem Schritt ging er zu seiner Mathematiklehrerin, deren braune Lockenpracht gerade hinter der Frontscheibe verschwand.
„Kann ich helfen?“ fragte Henry.
Frau Kunze blickte auf und erkannte ihren Schüler.
„Wenn du genug Muskeln hast?“ fragte die Mathematiklehrerin zurück.
Ihr Lächeln verschlug Henry für einen Moment die Sprache.
„Versuchen kann ich's“, konterte Henry dann. „Wo soll ich anpacken?“
„Ich zeig's dir“, sagte Frau Kunze und legte Henrys Hand auf den Bügel, der sich nicht bewegen wollte.
Er spürte die sanfte Bewegung ihrer Hand auf seiner Haut, sog den zarten Hauch ihres Parfums auf, diese fast unmerklich zarte Note aus Vanille, frischen Blumen und den Spuren ihrer Anstrengung, als sie versucht hatte, das Verdeck anzuheben. Ein Windhauch wehte eine Strähne ihrer langen braunen Haare in sein Gesicht, sie strich sie mit der Hand weg und berührte für einen Moment seine Wange. Ein leichter Stromstoß durchfuhr ihn.
Das Verdeck knarzte. Henry musste ordentlich heben. Schon nach ein paar Sekunden brannten die Muskeln in den Armen. Er war Läufer, kein Gewichtheber! Er wollte vor Schmerz aufstöhnen, aber lieber biss er sich auf die Lippen, denn vor Frau Kunze wollte er doch nicht als Weichei dastehen! Endlich bewegte das Dach. Die Lehrerin hakte das Verdeck mit geübtem Handgriff am Träger oberhalb der Frontscheibe ein.
„Danke“, sagte Frau Kunze und gab Henry ein Lächeln aus ihren großen braunen Augen, das ihn schlucken ließ. Jetzt verschlug es ihm wirklich die Sprache. „Wir sehen uns gleich bei den Vektoren.“
Markus verzog den Mund zu einem Grinsen, als er mit Henry am Eingang zusammentraf.
„Willst du deine Mathenote verbessern?“ fragte er hämisch. Und stöhnte kurz auf, als Henry ihm einen leichten Klaps in den Bauch gab.
Henry legt sich mit dem Sportlehrer an
„Tenhoven, mach schon!“ drängelte Marwik.
Henry hörte nicht darauf, was der Lehrer sagte. Er lief an, zählte die Schritte durch, beschleunigte, fixierte die Latte mit seinen Augen, wurde schneller und schneller. Ah, er hatte sich verschätzt. Er bremste kurz ab, zwei kurze Doppelschritte, jetzt nur nicht abbrechen, nur etwas verzögern. Jetzt stimmte der Anlauf perfekt. Zwei, drei, vier Doppelschritte, dann der Letzte. Er gab sich mit dem linken Bein einen kleinen Drall nach rechts, das rechte Bein kam leicht angewinkelt auf. Der perfekte Anlauf. Der perfekte Absprung. Der perfekte...
Das ohrenbetäubende Trillern der Pfeife ließ Henrys Muskeln genau in dem Bruchteil einer Sekunde erschlaffen, als sie alle Kraft in den Absprung legen mussten. Aus einem Sprung in den Himmel wurde ein müder Hopser. Henry drehte sich, aber er kam nicht in die Höhe. Mit der Schulter erwischte er die Latte, die mit einem sirrenden Geräusch aus der Halterung flog. Henry touchierte mit dem Hintern die Matte und klappte nach hinten weg.
„Übergetreten!“ schrie Marwik. „Lernst du das nie?“
Henry stand auf. Eine Niederlage. Er atmete schwer. Aber nicht wegen der Anstrengung. Eine unglaubliche Wut fraß sich durch seinen Bauch und ließ sein Gesicht zu einem roten Ball aufglimmen.
„Der Anlauf war perfekt“, sagte Henry und stand auf.
„Das zu bewerten, ist meine Sache“, antwortete der Sportlehrer von sich selbst überzeugt.
„Nein, das ist es nicht“, gab Henry zurück und ging auf Marwik zu. „Sie haben mit Ihrer blöden Pfeife alles ruiniert.“
„Weil du den Anlauf nicht auf die Reihe bekommen hast, Tenhoven“, stocherte Marwik weiter. „Du bist und bleibst ein Versager.“
„Und warum lassen Sie uns dann nicht die Sportarten üben, in denen wir gut sind?“ fragte Henry. „Laufen zum Beispiel. Das macht die Hälfte des Kurses im Verein. Und das kann die Hälfte des Kurses verdammt gut.“
„Ist doch lächerlich“, wehrte Marwik ab.
Henry trat näher an Marwik heran. Eigentlich wagte es kaum ein Schüler, sich auf weniger als Beinlänge an Marwik anzunähern, denn in dieser Entfernung konnte Marwik schwere Verletzungen erzeugen, so wie er es mit Dietz getan hatte. Egal was die Anderen gerade machten, sie richteten die Augen auf die beiden Kontrahenten. Eine Latte fiel zu Boden und erschlug eine Maus. Niemand merkte es. Der ganze Kurs hatte nur Augen für Henry und Marwik.
„Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag“, sagte Henry und trat auf Armeslänge an Marwik heran. „Ich fordere Sie zum Duell auf. Wir beide laufen zusammen die 10.000 Meter. Wenn Sie auch nur einen Funken Ehre im Körper haben, nehmen Sie die Wette an.“
Auf dem Platz war es so still, dass sich selbst die Fliegen wunderten, ob die erstarrten Jugendlichen lebendig oder plötzlich in Todesstarre verfallen waren. Einige hatten aufgehört, ihr Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen.
Dann hallte plötzlich ein Lachen über den Platz. Ein angestrengtes, verächtliches Lachen aus dem Munde des Sportlehrers. Er musste Atem holen. Henry nutzte die Atempause.
„Sie haben also keine Ehre im Leib“, sagte Henry langsam, aber bestimmt, ohne Marwik auch nur den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu lassen.
Schlagartig verstummte der Sportlehrer. Sein Gesichtsausdruck wechselte ebenso schnell wie die Farbe um seine Nase.
Er trat einen Schritt auf Henry zu, der nicht den geringsten Anschein machte, zurück zu weichen.
„Also gut“, sagte Marwik dann. „Morgen nach dem Unterricht. 14:00 Uhr. Und Gnade dir Gott, Tenhoven.“