Video und Audio: Die Clickworker - Die alte Fabrikhalle und das Murmeln der Fluchwörter
Auf dieser Seite stellen wir Ihnen das moderne Märchen “Die Clickworker” von Thomas Berscheid vor. Sie können dieses Kapitel “Die alte Fabrikhalle und das Murmeln der Fluchwörter” als Text lesen, als MP3-Datei hören oder als Video verfolgen.
Clickworker: Die alte Fabrikhalle und das Murmeln der Fluchwörter
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Die alte Fabrikhalle und das Murmeln der Fluchwörter
Noch ein paar Schritte, und es schälte sich ein Umriss aus dem geheimen Garten heraus. Der Meister kam näher. Es war kein Dinosaurier, es war keine mittelalterliche Burg, es war nicht die Titanic, nein, es war ein Gebäude aus roten Backsteinen, die allerdings schon viele Jahre hinter sich hatten, denn sie waren von schwarzem Ruß überzogen und hatten an manchen Stellen auch schon gar keine kantigen Ecken mehr. Vielleicht war es der Rauch, der aus einem Schornstein neben dem Gebäude gekommen war, ein Schornstein, der genauso alt aussah wie das Gebäude selbst, dessen Ende nach oben im Nebel aber nicht zu sehen war und der unendlich in den Himmel aufzuragen schien.
Das Gebäude hatte hohe Fenster, dafür waren es nur wenige. Vor Jahren, vor vielen Jahren mussten hier einmal große, schwere, wahrscheinlich sehr heiße und sehr laute Maschinen gestanden und gearbeitet haben. Bestimmt hatten sie den Rhythmus der Arbeit mit lauten Schlägen angegeben. Doch nun waren keine lauten Maschinen zu hören. Einige der Fenster standen offen. Aus ihnen konnte der Meister Gemurmel hören. Er war neugierig, natürlich. Und so schlich er an eines der Fenster heran. Die Öffnung in der Mauer für dieses Fenster ragte bis fast zum Dach, so dass der Meister den Kopf in den Nacken legen musste, um dieses Gebäude vollkommen erfassen zu können. Doch das untere Ende ging ihm gerade bis zum Bauchnabel und so konnte er sich in aller Ruhe nach vorne beugen, um zu hören, was im Inneren gesprochen wurde. War es eine Geheimsprache?
Dem Meister gelang es, die ersten Worte zu identifizieren. Es waren Worte in deutscher Sprache. Die meisten. Und diese Worte… Wenn er sie als Kind im Beisein seiner Oma ausgesprochen hätte, dann hätte ihm diese gleich den Mund mit einer Drahtbürste und viel Seife ausgewaschen, denn schmutzige Worte durfte er nicht in den Mund nehmen. Erschrocken stolperte er zurück. Und stieß hart gegen einen anderen Menschen.
Fast zu Tode erschrocken wandte sich der Meister um. War nun die Zeit seines Todes gekommen? Er sah, dass er gegen einen Mann gestoßen war. Doch dieser Mann war nicht alleine. Rechts von ihm stand ein anderer Mann. Links von ihm eine Frau, dann noch ein Mann. Was waren das für Leute? Waren es Menschen? Sie waren in dieser Firma, aber er hatte sie noch nie gesehen, und sie sahen auch nicht so aus wie irgendeine andere Person, der er in den letzten Monaten hier über den Weg gelaufen war.
„Wer bist du?“ fragte der Mann, gegen den er gestoßen war.
Der Meister hörte die Frage, aber seine Kehle war zugeschnürt, er konnte nicht reden. Dafür saugte er das Äußere des Mannes in sich. Wie alt mochte dieser Mann sein? 25 Jahre? Oder 50? Vielleicht 80? War er vielleicht schon ein paar Jahrhunderte tot? Denn dieser Mann hatte eine sehr weiße Hautfarbe, sein Gesicht hatte ein paar Falten, aber vor allem lagen diese Augen, die auf den Meister gerichtet waren, ganz tief in ihren Augenhöhlen und strahlten eine unendliche Müdigkeit aus, so als habe diese Person seit Jahren, seit Jahrzehnten nicht mehr geschlafen, so als sei sie jede Nacht als Zombie auf der Suche nach einem frischen Hirn unterwegs gewesen.
„Was willst du hier?“ fragte die Frau mit einer Stimme, als habe sie Kaiser Barbarossa noch persönlich gekannt.
„Ich bin…“ stotterte der Meister, „...bin ein Freund.“
„Ein Freund, aha“, konterte der Mann rechts von dem, gegen den er gestoßen war, „das sollen wir dir glauben?“
„Kommt mit“, winkte der Mann ganz links mit einer Geste, als habe er gerade seinen Grabstein wie die letzten Jahrzehnte in jeder Nacht weggeräumt.
ie vier Menschen, vielleicht auch die vier Zombies, wandten sich um. Der Meister trottete hinter ihnen her, seine Beine fühlten sich unendlich schwer an, was auch am Schlamm aus verrottenden Blättern und Lehm lag, durch den er sich einen Weg bahnen musste.