Leseprobe aus dem Roman Georgische Wurzeln von Thomas Berscheid
Auf dieser Seite stellen wir Ihnen einen Auszug aus dem Roman “Georgische Wurzeln” von Thomas Berscheid vor. Sie können einen Teil der Handlung lesen, als MP3-Datei hören oder als Video verfolgen.
Video und Audio: Sopiko findet ihre ersten Tage
Sopiko findet ihre ersten Tage
Jan lies Sopiko alleine. Sie brauchte ihn jetzt nicht mehr als Übersetzer, denn viele der Schriften, so hatte Jan gesehen, waren dort in georgisch. Er wandte sich Bakradse zu, nahm dankend eine Tasse mit dampfendem Kaffee und wechselte ein paar Worte mit dem Hausherren. Die Katze drückte sich an Jans Hosenbeine, er streichelte mit der Hand über ihren Rücken.
„Weime!“ schrie Sopiko laut.
Die Kaffeetasse fiel Jan fast aus der Hand, während die Katze im gestreckten Galopp aus dem Wohnzimmer stürmte.
„Das ist nicht wahr!“ rief sie aus, mit Wehmut in der Stimme. Bakradse fasste sich kurz ans Herz und fragte Jan, was sie dort gefunden habe.
Jan stellte sich nahe neben sie.
Sopiko übersetzte aus dem Georgischen, was sie dort las, und Jan reichte die Worte simultan an Bakradse weiter. Eine Frau beschrieb dort, wie es der Familie in Tbilissi gehe. Ihr selbst gehe es nach der Geburt der Tochter wieder besser. Ach, wenn Demetre dieses süße Kind doch nur sehen, sie doch nur einmal in den Arm nehmen könnte. Diese süße Tochter...
Sopiko stockte, redete nicht weiter. Sie nahm den Blick vom Brief. Sie deutete mit dem Finger auf den Absender. Jan sah, dass sie feuchte Augen hatte.
„Das... das hat meine Mutter geschrieben“, sagte sie mit brüchiger Stimme. Und fügte etwas hinzu.
Jan schluckte. Er musste tief durchatmen, bevor er übersetzen konnte. Bakradse blickte ihn ratlos an.
„Das Kind von dem sie redet...“, stotterte er und zeigte mit der zitternden Hand auf Sopiko, „die Tochter... also sie ist das Kind.“
Bakradse sagte etwas, legte eine Hand auf Jans Oberarm und ging von ihnen weg.
Sopiko warf Jan einen fragenden Blick zu.
„Er geht in den Keller“, übersetzte Jan um Fassung ringend. „Er hat eine einzige Flasche mit georgischem Wein, für die er seit Jahren nach einem Anlass sucht, um sie zu öffnen. Und die holt er jetzt.“