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Die Erforschung der Gottesdienste

Thomas Berscheid | 21. Mai 2007

Teil III: Die Evangelen

Innerhalb eines Jahres habe ich nun meine Feldforschungen im Bereich der angewandten Religion auf drei Teilgebiete ausgeweitet. Nach der katholischen Kirche und einem georgisch-orthodoxen Gottesdienst in einer Stadt nördlich von Köln war es mir heute vergönnt, in der evangelischen Kirche in Kempen an einer Konfirmation teilzunehmen.

Als jemand, der die ersten 21 Jahre seines Lebens, obwohl einige Zeit zwangsweise katholisch, durch die Adresse und die Jobs der Eltern intensiv mit der evangelischen Kirche zu tun hatte, war ich auf die Veranstaltung vorbereitet. Ich erwartete Frauen fortgeschrittenen Alters mit hagerer Figur, grauen Haaren und verhärmtem Gesichtsausdruck. Nun, die Umstellung der Ernährung in Deutschland zu fettreicherer Fast Food Kost muss es mit sich gebracht haben, dass es in Kempen davon wenige gab.

Das Gotteshaus selber, nicht weit von der alten Polizeiwache am Ring, präsentierte sich von innen schmucklos. Nur ein buntes Fenster, alle anderen grau, keine Bilder an den Wänden. Der gleiche Stil wie auch in Grefrath.

Dann aber: ein hohes Fest, die Festnagelung eines Dutzend Jugendlicher auf den Glauben, und dann nicht einmal Drogen. Kein Weihrauch, kein Wein. Mein Gott, wenn ich an diesen fruchtigen Rotwein damals bei meiner Hochzeit in der Sioni Kirche in Tbilisi denke, bei den mir der Gaumen aufging und die Sonne meinen Geist durchströmte... Oder letztens bei dem orthodoxen Gottesdienst, als sich die Schwaden des Weihrauch über uns ergossen... Das war es doch. Kiffen in der Kirche!

Aber das war nicht alles. Die Orgel und der Posaunenchor tauchten die Kirche in Töne, aber sonst blieb es still. Kaum ein Mensch erhob die Stimme, obwohl alle die Noten und die Texte vor sich hatten. Da bin ich doch sonst gewohnt, dass mein Hausarzt mit seinem Bariton mitsingt! Und was war das noch vor drei Wochen, mit dem Ensemble Tbilisi, mit der Ode an die Weinrebe? Nun gut, zweimal gab es eingängigen Jazz von der Orgel.

Nein, also ganz klar: Beim Test der Performance im Live-Angebot der drei Religionen geht der erste Platz ganz klar an die orthodoxen. Hätte ich mir vor 20 Jahren auch nicht träumen lassen. 

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