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Köln Geschichten

Die Leere auf dem Motorrad von den Manic Street Preachers

Thomas Berscheid | 08. Juni 2024

Im kommenden Jahr ist es 30 Jahre her, dass einer der kreativen Köpfe der Musikszene in den 1990er Jahren verschwand. Ritchey James Edwards ging Anfang Februar 1995 ans Ufer des Severns und ward seitdem nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich beging er Suizid.

Ich hatte die Manic Street Preachers zuvor bei einem Konzert in der Nippeser Kantine als Vorgruppe von Suede gesehen. Dabei hatte ich mich über den Typ gewundert, der auf der Bühne stand, eine Gitarre um hatte, aber eigentlich so richtig nichts machte. Nun, dass war Ritchey.

Was aber von ihm in Hirn hängen geblieben ist: Eine Menge Texte. Und zwar Texte, die man nicht einfach mal liest und vergisst, sondern die einem Jahre lang im Kopf hängen bleiben und niemals mehr rausgehen. „Roses in the Hospital“ ist so einer davon. Aber ein anderer schwingt seit mehr als 30 Jahren durch meinen Kopf, als Melody und als Text: Motorcycle Emptyness.

Das Gitarrenriff von James Dean Bradfield ist einzigartig. Als ich „Motorcycle Emptiness“ zu Beginn der 1990er Jahre zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich an den Wiederhall einer Stratocaster aus „Heroes“ von David Bowie erinnert. Aber das war etwas Neues. Der Wechsel von in die Länge gezogenen Tönen, dann eine Treppe von Stakkato die nach oben führt und das Thema vielleicht eine Quint weiter oben noch mal wiederholt… Das geht mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf. Ich hab’s dann auch auf einer SG Special Kopie nachgespielt. Es ist eine Sequenz, die ich im 21. Jahrhundert nicht mehr im Radio gehört hatte, und dann taucht sie morgens beim Frühstück im IP-Radio bei einem holländischen Sender auf… Spontan hatte ich eine Gänsehaut. Mitten im Sommer.

Soweit das musikalische Suchtverhältnis. Und dann ist da noch der Text aus der Feder von Ritchey James Edwards. Ich habe ihn übersetzt. Ich habe ihn nachgedichtet. Ich habe „Motorcycle Emptyness“ bestimmt mehr als 3.000-mal gehört. Ich habe diesen Text nicht verstanden. Dieser Text ist nicht da, um verstanden zu werden. Er ist da, um gelebt, geträumt, verinnerlicht, geliebt zu werden. Eine Reihung von Bildern, von Gefühlen, die wir Leben sollen… So etwas wie Dada als Liedtext. Das ist meine eigene Interpretation. „Fahr weg, und es ist alles dasselbe…“ Diese Leere, auch wenn du mit deiner schnellen Kiste in die nächste Stand fährst. Leere Versprechungen, die immer wieder kommen und die immer wieder scheitern. Ein Leben wie im Koma. Alles wir wollen sind die Kicks, die du uns gegeben hast. Neonlicht... mucke nicht auf, mach das was die Werbung dir sagt. Für mich ist das die Botschaft, die hinter diesem Lied steckt.

Das ist nicht nur Musik. Das ist Ewigkeit.

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