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Psychologie

Nicht was du glaubtest

Thomas Berscheid | 01. Juni 2020

Berühmte Lieder und die Absichten der Autoren

Es gibt so Lieder, die hört man im Radio, denkt sich: Was für ein schönes Stück Musik. Dann sieht oder hört man etwas, eine Reportage bei ARTE oder Pop und Poesie beim SWR, und denkt sind: Um Gottes Willen! Es war alles vollkommen anders! Hier ein paar Beispiele.

Born in the USA

Meist hören die Menschen nicht auf die Texte, die sie da hören. Ein schönes Beispiel ist „Born in the USA“ von Bruce Springsteen. Die meisten glauben, dass die USA in diesem Lied glorifiziert wird. Das Gegenteil ist wahr! Der Boss singt über einen Bruder, der im Leichensack aus Vietnam kam. Von seinem Chef in der Raffinerie, der sich damit brüstet, wie gerne er in den Krieg gezogen wäre.

Every breath you take

Was für eines herzerweichendes, romantisches Liebeslied haben The Police da mit „Every breath you take“ geschaffen! Sind wir nicht alle dahin geschmolzen beim Versuch von Sting, wie er seine Angebetete verehrt und sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt, alles für sie tun will, sie bei jedem Atemzug beobachten will? Bei jedem… Ja, genau. Er beobachtet sie. Gerade war bei SWR1 Pop und Poesie die Nachdichtung des Textes. Und damit wird erneut klar: Das hier ist kein Liebeslied. Das hier ist die Geschichte einers Stalkers, der von seiner Ex nicht lassen kann und der sie auf ewig verfolgen wird!

Andrea

Der Mai 2020 ist zu Ende, und damit die Dienstzeit von Reinhold Messner als Coverboy beim ARTE Magazin. Er hatte diesen Monat eine Reportage über die Erstbesteigung eines Berges, die von Mythen und Zweifeln umgeben ist. Gegen Ende sitzt er mit drei jungen Männern in einer Berghütte. Sie singen ein Lied, eines von diesen schönen, leichten Sommerliedchen aus Italien, die man den ganzen Sommer hindurch mitsummt und die überall im Radio laufen. Dann sagt er, dass dieses Lied ja vom Krieg vor 100 Jahren handelt.

Was? Wie? Krieg?

Das Lied heißt Andrea. Sänger war der italienische Liedermacher Fabrizio De André. Ein schönes, leichtes, unverfängliches Sommerliedchen, dass der Mann da trällert. Dann habe ich den Text in einer Übersetzung gelesen.

Allmächtiger!

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern aus der Zeit des 1. Weltkriegs. Ein Mann ist verzweifelt, denn sein Geliebter, von dem ihn ein paar Locken geblieben sind, ist von den Kugeln eines Maschinengewehrs zerfetzt worden. Das Leben macht für ihn keinen Sinn mehr. Er steht am Brunnen, und… Ob er wirklich Selbstmord begeht, bleibt in den Augen des Hörers.

Was für ein Unterschied zwischen dem süßlichen Klang dieses Schlagers und dem Inhalt! Ich habe die Übersetzung gelesen und fühlte mich, gerade in der Passage mit dem Zwiegespräch zwischen dem verzweifelten Mann und dem Eimer im Brunnen, an die Gedichte von Dimitri Kimeridze erinnert, die wir von 15 Jahren nachgedichtet haben. Hier ist es die Erinnerung an eine Geliebte, die er nicht zurückgewinnen kann.

Manchmal lohnt es sich eben doch, genau hinzuhören.

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