Gedanken über den Tod

Was ich hier gerade schreibe, ist kein leichtes Thema. Eher ein ziemlich schweres. Und meist das letzte, womit man sich im Leben beschäftigt: der Tod.

Dafür gibt es einen sehr persönlichen Grund. Dieser liegt am 18. September genau vier Jahre zurück. Und dieser wurde mir in den letzten Wochen einmal mehr sehr bewusst. Also zu meiner Geschichte. Mitte September 2009 sind wir aus unserem damaligen Urlaub in Georgien wiedergekommen. Beim Umsteigen auf dem Flughafen in Istanbul konnte ich nicht mehr richtig sitzen. Ein Tag arbeiten, dann zum Arzt. Von 3 Tagen fehlen mir rund 50%, die ich im Delirium verbracht habe. Dann am 18. September die erlösende Operation. Sie hatten mich auf dem Zeitplan des OP einige Plätze nach oben geschoben, weil ich mit 41 Grad Fieber und Schüttelfrost offenbar Eindruck gemacht habe.

Fast ein Engel - im Park in Trier

Fast ein Engel – im Park in Trier

Soweit ging alles ganz gut. Ich hatte den Schwestern in einem wachen Moment vor der OP gesagt, dass sie mir bitte reinen Wein einschenken sollen. Immerhin hatte ich im Zivildienst meinen eigenem Pflegebereich, arbeite in der Biotechnologie und bin Ersthelfer.
Das tat die Schwester dann auch 1,5 Tage nach der OP. Ich bekam eine neue Infusion. Die Schwester sagte dabei, mein Blutbild sehe sehr schlecht aus und das erste Antibiotikum habe nicht gewirkt.

Die an mich gerichtete Botschaft war eindeutig: Sie sterben gerade!

In dieser Nacht vor rund 4 Jahren, am Morgen des 20. September 2009, habe ich mit dem Leben abgeschlossen. Ich habe im Bett gelegen und mir gesagt: Nun, das war es jetzt wohl. Wenn es deine Bestimmung ist, jetzt die Welt zu verlassen, dann soll es wohl so sein. Blöd gelaufen, dass du nur sehr wenig auf der Erde hinterlässt. Die Karriere als Musiker ist nicht ins Rollen gekommen, ein Krimi ist wenigstens erschienen. Alle Webseiten sind sowieso fürs Gesäß und bald vergesse. Mit den Kindern hat es ja leider nicht geklappt.

Zwei Tage später kam dann die Entwarnung: Das zweite Antibiotikum hatte angeschlagen. Ich schickte mich an, den Kampf gegen die Bakterien, die in meinen Blutkreislauf eingedrungen waren, zu gewinnen. Eine Woche nach der OP wurde ich entlassen. Die Krankheit selber ließ mich drei Jahre nicht in Ruhe, mittlerweile wurde ich noch zweimal an gleicher Stelle operiert und seit Mai kann ich endlich wieder richtig sitzen.
Das sind die körperlichen Fakten. Die geistigen sind noch ganz andere.

Ein wichtiger Faktor war der Urlaub wenige Tage zuvor in Georgien. Ein wenig Bammel vor dem Rückflug hatte ich schon. Werde ich wieder krank werden? Wochenlang im Bett liegen, nicht richtig laufen, nicht sitzen können? Fehlanzeige. Ein paar leichte Probleme mit der Verdauung, das war es dann auch. In meinem Kopf sind aber in diesen Tagen in Georgien einige Sachen passiert.

Zum einen hatte ich Zeit zum Nachdenken. Kein Internet, kein Fernsehen, jedenfalls kein deutsches, viel Sonne, Luft, Natur und körperliche Anstrengung. Außerdem, jedenfalls in den ersten Tagen, einige Besuche in georgischen Kirchen, schließlich bin ich ja vor 12 Jahren orthodox getauft worden.

In diesen Tagen ist mir vieles klar geworden. Warum ärgerst du dich eigentlich über jeden Penner, der dir hinten aufs Auto fährt oder vor der her schleicht? Warum machst du eigentlich deinen Job, der dich nur noch ankotzt?
Ich habe in den letzten Monaten einiges in meinem Leben aufgeräumt. 20 Jahre lang habe ich jeden Abend getrunken, früher um mich abzuschießen, die letzten Jahre aus Gewohnheit. Nun nur noch am Wochenende, und das auch nicht immer. Ich merke, dass ich im Gesicht dünner geworden bin. Ich merke auch, dass es mir mit diesem Leben blendend geht. Und das ich ein Bier, auf einer Terrasse abends, frisch aus dem Zapfhahn, genießen kann, genauso wie eine Tafel in Georgien.

Es waren zwei Ereignisse, die mich dazu gebracht haben, diese jahrelang eingeübte Handlung zu durchbrechen. Zum einen eine Videokonferenz mit Kolleginnen aus Japan. Da musste ich sehr früh raus, mit dem Auto fahren, da war nichts mit Trinken. Und dann war da noch die Entscheidung, ob ich zustimmen sollte, meiner im Koma liegenden Mutter die lebenserhaltenden Geräte abzuschalten. Ich habe es nicht getan. Sie hatte dann noch ein paar Monate, die sie im Altenheim in Oedt mit der späten Karriere als Comedy-Star der Etage verbrachte. Und genau in dieser Zeit, in der psychisch schwierigsten Zeit meines Leben, brauchte ich mich nicht mehr in ein anderes Leben zu schießen. Es gibt andere Wege, Krisen zu bewältigen.

Ein wichtiger Punkt für mich dabei war auch die Tatsache, dass ich nun selber schon einmal mit dem Leben abschließen durfte. Dank der heutigen Medizin lebe ich noch. Hätte ich 70 Jahre zuvor gelebt, wäre ich ziemlich genau zum 50. Geburtstag meiner Schwester aus dem Leben geschieden, oder besser gesagt, an einer Infektion verreckt.

All dies ging mir Ende August durch den Kopf, als wir in Georgien waren. Ich habe in einer Kirche gestanden, eine Kerze für Onkel Suriko entzündet, der diese Woche gestorben ist. Und ich habe mir die Frage gestellt: Wirst du zum Glauben finden?

Jetzt weiß ich die Antwort: Nein.

Viele sagen: Ha, warte mal, bis du im Sterben liegst, bis du dein Ende kommen siehst, dann kommst du schon in den Schoß der Kirche zurück!

Ich weiß jetzt: Ich werde es nicht tun. Denn ich habe im Sterben gelegen, ich habe mit dem Leben abgeschlossen. Und ich weiß aus diesen Stunden, die nun fast auf den Tag genau vier Jahre zurückliegen, dass ich nicht zu einem Glauben gefunden habe.

Was mir aber klar geworden ist, und das gerade wieder in den letzten beiden Wochen, ist, wie wertvoll das Leben ist. Meine Mutter hat den zweiten Schlaganfall dann doch nicht überlebt, Tante Anneliese ist von uns gegangen, Onkel Suriko hat den Kampf gegen den Krebs verloren, ebenso der Mann mit der eindrucksvollsten Stimme der Welt, Otto Sander. Da draußen vor der Tür gibt es Früchte, die darauf warten, gegessen zu werden. Es gibt Täler und Berge, die ich noch nie in Wirklichkeit gesehen habe. Es gibt Länder, Landschaften, Meere, die noch auf ihre Entdeckung warten. Und ich will sie sehen.

Es wäre vielleicht Zeit, nach 3,5 Jahren mit Krankheit in Schwermut zu verfallen. Den Kopf wieder hängen zu lassen, so wie es in den 2 Jahren war, als die Wunde nicht richtig zuwachsen wollte. Aber nun, da ich wieder ins Leben zurückkehren durfte, ist mein Wille zum Leben stärker als je zuvor. Ich habe eine Erfahrung gehabt, die nur wenigen vergönnt ist. Sie hat mich stärker gemacht.

Ein Abgrund in Georgien

Ein Abgrund in Georgien

Und furchtloser. Ein Ereignis in Georgien hat mir gezeigt, dass ich Ängste verloren habe. Früher konnte ich nicht in Abgründe blicken. Vor vier Wochen standen wir im Süden Georgiens an einem Hang, der 300 Meter fast senkrecht in die Tiefe ging. Eine Tafel im Boden wies darauf hin, dass dort mehrere Menschen bereits in den Tod gestürzt waren. Ich habe mich sehr nah an den Abgrund gestellt, hinunter geblickt, das angstvolle Schreien meiner angeheirateten Cousine, Ärztin und notfallerprobt, gehört, und habe mir gedacht: Da ist kein Kribbeln mehr im Hirn, das dich nach unten saugt. Das ist einfach nur eine geile Aussicht.
Und so kümmert mich der Regen da draußen jetzt auch nicht. Der wird vorbei gehen. Da warten noch viele neue Entdeckungen auf mich.