Sturz ins Leere

Am Montag dieser Woche habe ich einen abgepackten Mischsalat gegessen. Zwei Stunden später kamen die ersten Bauchschmerzen. Dann ging es weiter mit der Eskalation… Man schleppt sich dann zur Arbeit und spürt, wie der Kreislauf immer weiter in die Knie geht.

In dieser Zeit habe ich ein Buch ausgelesen, dass ich schon in der gesunden Zeit angefangen hatte. „Sturz ins Leere“ von Joe Simpson. Er und Simon Yates waren 1985 auf einen schwierig zu besteigenden Berg in den Anden geklettert. Beim Abstieg rammte Simpson sich zuerst den Unterschenkel ins Knie. Kurz vor dem Ende der Steilwand fiel er dann auch noch über einen überhängenden Fels und hängt über einer Gletscherspalte. Dann schneidet Yates das Seil durch…

Nun habe ich also einige Stunden zu Hause rum gelegen und das Buch zu Ende gelesen. Simpson beschreibt in aller Ausführlichkeit, welche Schmerzen es verursacht, wenn man mit einem gebrochenen Bein versucht, sich aus einer Gletscherspalte zu retten und über Moränen zu stolpern. Er schildert, wie er ein Stück vorwärts kommt, hinfällt und in einen Zustand zwischen Traum und Delirium versinkt. Zu diesem Zeitpunkt liege ich auf dem Bett, lese in dem Buch, im Bauch krampft es, und weil ich drei Nächte hintereinander nicht geschlafen habe, übermannt mich nach ein paar Seiten immer wieder eine Schlafattacke. Ich wache auf und lese weiter. Der Kreislauf ist im Keller, beim Versuch aufzustehen sehe ich die Sterne.

Eine schöne Parallelität der Ereignisse.

Man sollte sich jetzt nicht unbedingt bei jedem Buch, dass man liest, in die Umgebung und den Zustand versetzen, den man da vor sich auf Papier hat. Ein Buch über Scott am Süppol heißt nicht, dass man sich seit vier Wochen ungeduscht in ein Eisfeld setzen sollte. Wer etwas über die Sahara liest, muss sich nicht neben den Backofen setzen. Für so etwas haben wir unsere Phantasie als Leser.

Aber war doch mal ganz nett, so etwas erlebt zu haben.