Das Radwege-Dilemma

„Wir haben da ein Problem. Ja, wir haben da wirklich ein Problem.“

Die kompromißlos ehrliche Aussage eines Mitarbeiters des Straßenplanungsamtes dieser Stadt. Was hat sich hier zugetragen? Die Unfallstatistik weist einen starken Anstieg der Unfälle aus, bei denen Radfahrer zu Schade kamen. Und es stellt sich der Welt die Frage: Warum ist das so?

„Wir haben da ein Problem. Ja, wir haben da wirklich ein Problem.“

Aber wo liegt das Problem? Wir sind den Hintergründen dieses Anstieg nachgegangen. Wir haben uns auf unsere Räder in dieser Stadt gesetzt und sind einfach losgefahren. Und da sahen wir auch schon: In dieser Stadt gibt es Radwege, die sich nicht mehr nach Kilometern messen lassen, so viele sind es in den letzten Jahren geworden.

Und wo sie überall langführen! Man merkt sofort, daß hier die Phantasie eines kreativen Menschen am Werke war. Erst fahren wir einen kleinen Streifen über den Fußweg, der jedem Fußgänger und jedem Radfahrer genau 30 cm Platz läßt, dann erweitert sich der Bürgersteig, und ein künstlerisch wertvolles Karomuster zeigt sich. Was sollen die nicht motorisierten Verkehrsteilnehmer hier tun? Es stellt sich die Frage, ob sie hier von Stein zu Stein springen sollen. Wir wissen es nicht, wir stehen hier ratlos. Und fahren weiter, uns ständig die Frage stellend, ob wir uns hier nicht auf verbotenem Terrain befinden – denn auf Radwegen müssen wir, auf Fußwegen dürfen wir nicht fahren. Auf der Straße auch nicht. Aber hier können wir nicht. Wo sind wir hier eigentlich?

Aber es geht voran. Wir passieren ein Schild mit einer Durchfahrtregelung für Mountain Bikes, gestaffelt nach Uhrzeit, Lenkerbreite und IQ des Fahrers. Offensichtlich hat man bei letzterem Richtwerte aus der Welt der psychopathischen Autofahrer genommen, denn Radfahrer mit so niedrigem IQ, wie es die Regelung in der Zeit zwischen 14:45 und 15:30 Uhr vorsieht, erscheinen uns nicht lebensfähig.

Und dann sehen wir, welchen Sinn diese Regelung haben sollte. Plötzlich eröffnet sich vor uns eine Baugrube, runde 3 m tief, die sich über die gesamte Breite des Radweges erstreckt. Ohne daß sie abgesichert ist. Jetzt verstehen wir: Man wollte die Kanalarbeiter vor hineinfallenden Radfahrern schützen! Also schultern wir unsere Räder, zwängen uns zwischen den parkenden Autos hindurch auf die Straße und versuchen dort unser Glück. Ein Autofahrer macht uns unmißverständlich klar, daß wir hier nichts zu suchen hätten, indem er den Rückwärtsgang einlegt und den ersten unserer Truppe rammt. Wir werden ihn später im Krankenhaus wiedersehen.

Weiter, immer weiter führt die abenteuerliche Strecke. Da ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos verfahren habe und mitten auf einem belebten Wochenmarkt gelandet bin, über den ein Radweg führt, entscheide ich mich dazu, den direkten Weg zum Stadtplanungsamt einzuschlagen. Inzwischen bin ich alleine, denn meine beiden Kolleginnen hat es an zwei hintereinanderliegenden Kreuzungen erwischt. Erst mußten wir der Rechtsabbiegerspur entlangfahren, bevor wir diese im rechten Winkel kreuzen durften, um weiter geradeaus fahren zu können. Und dabei hatten uns leider zwei Autofahrer übersehen. Ich halte eine Polizeistreife an, um von den Beamten Geleitschutz zu bekommen. Wir unterhalten uns während der Fahrt, und die Polizisten schütteln die Köpfe über die Radwege, die in den letzten Jahren in der Stadt angelegt worden sind.

Endlich bin ich am Ziel! Und bin erstaunt: Ein Radweg knickt im rechten Winkel von der Straße ab, führt direkt auf die Eingangstür des Amtes zu, läuft an der Mauer bis in Höhe der ersten Etage und führt dann in einer abfallenden Linie wieder zur Erde zurück. Man wollte damit, so sagte mir später der Fahrradbeauftragte der Stadt, Kollisionen zwischen Besuchern des Amtes und dem Radverkehr vermeiden. Als ich nachfrage, was sich seine Kollegen bei der Anlage dieses Unikums gedacht haben, äußert er sich ebenso einfach wie aufschlußreich:

„Nichts!“

Ich schließe mein Rad an einem Schild „Radfahrer absteigen und zur Kreuzung zurückschieben“ an, nehme meinen Rucksack und mein Diktaphon und mache mich auf die Suche nach dem Beamten, der für die Radwegeplanung verantwortlich zeichnet. Denn das ist der Zweck meines Besuchs. Man hatte meine Zeitung darauf aufmerksam gemacht, daß es in dieser Stadt in diesem Amt einen Menschen gibt, der den Bau von Radwegen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Ich erkundige mich nach ihm, und finde ich das Büro des Beamten, der seit 30 Jahren nichts anderes tut, als Radwege zu planen. Ein leises Klopfen, ich werde hereingebeten.

Viele Büros habe ich schon gesehen. Viele chaotische Büros. Aber dieses hier schlägt alles. Die Wände sind gepflastert mit Plänen, auf denen sich in rot deutlich die Radwege abheben. Radwege in jeglicher Form. Geschlängelt, in der Breite ständig abnehmend, quer über Plätze führend, aber niemals in einer Beziehung zum Autoverkehr, der geradeaus fahren darf. šber dem Schreibtisch hängt der Auszug aus der STVO, in dem die Radwegebenutzungspflicht geregelt ist. Dahinter begrüßt mich ein Mann, den ich auf Mitte 60 schätze, weiße Haare, soweit noch vorhanden. Vor seinen Augen eine Brille, die in den 60er Jahren topmodisch war. Ein Anzug, der ähnlich antiquiert erscheint. Er bietet mir einen Kaffee an.

„Sie sind also für den Bau von Radwegen zuständig?“

„Ja. Ja. Seit 30 Jahren. Wissen Sie, das ist mein Leben. Sehen Sie da, der Radweg an der Kanalstraße, ist der nicht schön?“

Nun ja, schön ist er, das stimmt. Aus der Hubschrauberperspektive eines Planers sieht das bestimmt auch sehr gut aus. Aber dieses Geschlängel, daß mitten über Kanaldeckel, zwischen Bäumen hindurch und in einem wilden Zickzack über den Fußweg führt, das kann man doch nicht befahren!

„Sind Sie den Radweg schon einmal gefahren? Das geht doch gar nicht!“

„Aber ja, das ist doch ein wunderschöner Weg! Ich bin ihn erst vor 2 Jahren noch mit dem Auto abgefahren. Sehr schön.“

„Fahren Sie nicht selber Rad?“

„Ich? Warum ich? Ich plane Radwege, warum soll ich da Radfahren?“

„Sie können doch gar nicht wissen, ob sich ihre Radwege in der Praxis überhaupt bewähren!“

„Ach wissen Sie, ich mache das jetzt seit 30 Jahren, da reicht es mir, wenn ich aus dem Auto sehe.“

Er weißt mich auf andere Radwege hin, die er in der Form wunderschön findet. Und die kein Mensch befahren kann, aber jeder benutzen muß. Irgendwie wird mir unheimlich. Sinnvolle Radwege, die es früher einmal gab, hat dieser Planer durch sinnlose ersetzt. Er scheint unter dem Zwang zu stehen, planen zu müssen, nur Planen um des Planens willen!

Die Tür öffnet sich, eine Frau kommt herein, offensichtlich die Krankenschwester des Amtes. Sie gibt dem Planer eine kleine Pille, ein Psychopharmakon, damit er bei guter Laune bleibt. Und dann erzählt sie in ihrem Zimmer die ganze Geschichte:

„Der Mann ist krank, er steht unter dem Zwang, ständig Radwege planen zu müssen. Ein psychopathischer Planer, wenn Sie so wollen. Er muß einfach Radwege planen, egal ob es Sinn macht oder nicht.“

„Aber kann man dem nicht einen Riegel vorschieben?“

„Nein. Wenn bekannt würde, daß wir hier einige Kranke beschäftigen, dann würde das bei der Ratsfraktion der Partei Ärger geben. Also lassen wir die Leute einfach machen.“

„Ja, kann man den nicht kündigen?“

„Der ist Beamter. In 4, 5 Jahren wird der vielleicht pensioniert. Oder später. Und bis dahin geht alles seinen geregelten Gang.“

Desillusoniert verlasse ich später im Zug die Stadt. Wenn es hier einen psychopathischen Planer gibt, wie wird es dann in anderen Städten aussehen? Langsam wird mir klar, woher das Radwege-Dilemma kommt…

Thomas Berscheid, 1992

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